post-title Darrel Ellis | Matter | Crone Berlin | 27.06.-29.08.2020

Darrel Ellis | Matter | Crone Berlin | 27.06.-29.08.2020

Darrel Ellis | Matter | Crone Berlin | 27.06.-29.08.2020

Darrel Ellis | Matter | Crone Berlin | 27.06.-29.08.2020

bis 29.08. | #2809ARTatBerlin | Crone Berlin zeigt derzeit die Ausstellung Matter des amerikanischen Künstlers Darrel Ellis.

Darrel Ellis war ein schwarzer US-amerikanischer Künstler. Er starb 1992 mit nur 33 Jahren in New York an AIDS. Sein vielversprechendes Werk geriet nach seinem Tod weitestgehend in Vergessenheit. Heute scheint es aktueller zu sein denn je.

Sein Vater, Thomas Ellis, kam einen Monat vor Darrels Geburt ums Leben. Er starb bei einer Verkehrskontrolle in der Bronx, brutal getötet von Polizisten, wie George Floyd, dessen Ermordung jetzt die Black-Lives-Matter-Bewegung ausgelöst hat.

Darrels Vater hatte im New Yorker Stadtteil Harlem ein kleines Portrait-Fotostudio betrieben. Seine geheime Leidenschaft gehörte aber der Dokumentarfotografie. Auf stillen, einfühlsamen Fotos hielt er das Leben der schwarzen Community im Harlem der 1950er fest: Freunde und Familienmitglieder beim Tanzen, Nachbarn und Verwandte auf der Straße, Kinder im Park und Liebende bei flüchtigen Umarmungen. Es sind sehr private, sehr persönliche Aufnahmen, die meisten aus dem unmittelbaren familiären Umfeld.

Als Darrel Ellis Ende der 1970er Jahre sein Kunststudium begann, gab ihm seine Mutter eine Kiste mit den Fotos seines Vaters. Nach anfänglichem Zögern tauchte er in den Fundus unzähliger, scheinbar beiläufiger Momentaufnahmen ein und schuf daraus in den folgenden zehn Jahren ein einzigartiges, medienübergreifendes Gesamtwerk, intim und allgemeingültig zugleich, experimentell und bewahrend in einem. Darrel Ellis nutzte die Fotos des Vaters für seine eigene Kunst: Er übermalte sie, er zerschnitt sie, er verzerrte sie, er durchlöcherte sie, er projizierte sie auf Gipsformen und fotografierte sie wieder ab.

ART at Berlin - Courtesy of CRONE Berlin - Darrel Ellis - 4
Darrel Ellis
Untitled (Women in Front of Car), ca. 1989
Silbergelatineabzug
21 x 26 cm
DE/F 89-003

ART at Berlin - Courtesy of CRONE Berlin - Darrel Ellis - 3
Darrel Ellis
Untitled (Women in Bikinis), ca. 1989
Silbergelatineabzug
28 x 36 cm
DE/F 89-013

Er holte sich eine Familie zurück, die er nie hatte und die nur noch aus Zerstörung und Löchern bestand – was er, wie er selbst sagte, als Symbol für die Situation aller Schwarzen in den USA verstand. In seinem Notizbuch hielt Ellis fest: „Es ist kein Zufall, dass ich meine eigene Familie als Thema gewählt habe. Es steht im direkten Zusammenhang zu den großen, allgemeinen Herausforderungen unserer Zeit. Ich kann mir nicht helfen, aber ich sehe eindeutig Parallelen, wenn ich auf diese verzerrten Bilder einer schwarzen Familie schaue. Natürlich haben heute alle Familien Brüche, Zerrüttungen, einen Mangel an Gemeinsamkeit – Löcher sozusagen. Aber die schwarze Familie ist eine besonders schwierige Sache, denn im Grunde gibt es gar keine schwarze Familie mehr. Und genau das ist Teil meiner Gedanken und Träumereien. Ich bin damit aufgewachsen. Wenn ich auf diese Fotos schaue, sehe ich nur Löcher.“

ART at Berlin - Courtesy of CRONE Berlin - Darrel Ellis - 1
Darrel Ellis
Untitled (Boy in Tree), ca. 1985
Silbergelatineabzug
28 x 36 cm
DE/F 85-010

Die Löcher und Zerrüttungen, die Ellis in den Fotos sieht, veranlassen ihn anfangs nur dazu, die Bilder nachzuzeichnen oder durch Übermalungen zu verfremden. Später greift er immer entschlossener, immer rigider, immer gekonnter in die Aufnahmen ein. Er fügt Lücken, Brüche und Zensuren ein, löscht Gesichter aus und entstellt sie. Details werden verwischt oder komplett ausgelöscht. Tiefe Risse ziehen sich durch die Gemeinschaft der lächelnden Protagonisten, deren Unbeschwertheit vor der Brutalität der Deformationen verblasst. Seine Zerstörung ist Wut und Liebe zugleich. Sie zeugt von der Erfahrung des väterlichen Verlustes, die sein Leben und das seiner Familie prägte. Sie richtet sich gegen eine Idylle, die ihm die Fotos angesichts der brutalen Realität nur vorzugaukeln scheinen, die er ablehnt, verachtet – und nach der er sich doch sehnt.

Erst in der Zerstörung, Deformation und Fragmentierung wird die Welt für ihn wieder heil und wahrhaftig. Erst in der rigorosen Sichtbarmachung der permanenten Desillusion gelingt ein intaktes Selbstverständnis und ein aufrichtiges Selbstwertgefühl.

ART at Berlin - Courtesy of CRONE Berlin - Darrel Ellis - 2
Darrel Ellis
Untitled (Artists‘ Mother from Thomas Ellis Photo), ca. 1985
Gouache auf Papier
23 x 30 cm
DE/G 85-001

Zu diesem Kampf mit der eigenen Biografie und Identität trägt noch ein anderer Umstand bei. Darrel Ellis war offen homosexuell, verwurzelt in der schwulen New Yorker Subkultur der 1980er Jahre. Er war mit Robert Mapplethorpe und Peter Hujar befreundet, die ihn fotografierten und förderten. Seine Arbeiten wurden 1989 in der von Nan Goldin kuratierten Ausstellung „Witnesses“ im New York Artist Space gezeigt, außerdem 1992 in der großen Überblicksschau „New Photography 8“ im MoMA. Anders als Mapplethorpe oder Hujar, die wie er an AIDS starben, fand das Werk des schwarzen Künstlers Darrel Ellis aber nur begrenzt Eingang in die Rezeption der progressiven, queeren Fotografe-Szene der 1980er Jahre. Es ist der Kuratorin und Autorin Cay-Sophie Rabinowitz zu verdanken, dass es nun wiederentdeckt wird.

ART at Berlin - Courtesy of CRONE Berlin - Darrel Ellis - 5
Darrel Ellis, Matter, Ausstellungsansicht, © Darrel Ellis, Courtesy Galerie Crone & Osmos

Crone Berlin zeigt jetzt in Zusammenarbeit mit Rabinowitz 25 Arbeiten von Darrel Ellis, die einen Überblick über sein Schaffen und seine Kunstpraxis geben. In „Darrel Ellis. Matter.“ finden sich von übermalten Fotos über freihändige Zeichnungen bis zu re-fotografierten Projektionen alle Techniken, die Ellis beherrschte und zu einem kohärenten Werk verband. Ein Werk, das eng verknüpft ist mit der Suche nach schwarzer Identität und schwulem Selbstverständnis, mit dem Kampf um Gleichberechtigung, Anerkennung und Gerechtigkeit in der rassistischen, homophoben US-Gesellschaft. Ein Werk, das zeigt, dass sich trotz aller emanzipatorischer, antirassistischer Bestrebungen im Kern seit 70 Jahren nichts geändert hat.

In Kooperation mit OSMOS & The Estate of Darrel Ellis.

Ausstellungsdaten: Samstag, 27. Juni bis Samstag, 29. August 2020

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