post-title Caroline Kryzecki | Counting Silence | Sexauer Gallery | 01.09-31.10.2020

Caroline Kryzecki | Counting Silence | Sexauer Gallery | 01.09-31.10.2020

Caroline Kryzecki | Counting Silence | Sexauer Gallery | 01.09-31.10.2020

Caroline Kryzecki | Counting Silence | Sexauer Gallery | 01.09-31.10.2020

bis 31.10. | #2823ARTatBerlin | Sexauer Gallery präsentiert ab 1. September 2020 die Ausstellung „Counting Silence“ mit Kugelschreiberzeichnungen der Künstlerin Caroline Kryzecki.

Die Galerie wird eine Reihe völlig neuer Werke von Caroline Kryzecki zeigen. Die Idee zu diesen Werken entstand in diesem Haus der Josef und Anni Albers Stiftung in Bethany / Connecticut, wo Caroline Kryzecki 2019 für einige Zeit arbeitete und lebte.

ArtATBerlin-courtesy-of-Sexauer-Gallery--Caroline-Kryzecki-foto-courtesy-of-the-artistCourtesy of the artist and the gallery

Caroline Kryzecki ist für ihre Kugelschreiberzeichnungen mit bis zu tausenden von Linien bekannt, die sich in mehreren Schichten oder Rastern überschneiden. Fast ein Jahrzehnt spielte sie dabei alle Möglichkeiten durch, von extrem reduzierten monochromen Arbeiten mit nur wenigen übereinander gelegten Rastern bis hin zu Zeichnungen, die fast anmuten wie Malerei. Mit ihren teils monumentalen Arbeiten in einer Größe von bis zu 270x190cm lotet die Künstlerin Grenzen aus, körperliche, psychische und die des Materials. Dabei steht für Kryzecki immer der Arbeitsprozess im Vordergrund. Ideen werden im Prozess geboren und in gewisser Hinsicht entstehen die Arbeiten aus sich selbst heraus. Kryzecki setzt sich Regeln, begibt sich in Strukturen und findet darin Freiheit.

Die Zeichnungen mit horizontalen und vertikalen Linien haben oft eine textile Anmutung. Seit Jahren befasst sich Kryzecki mit Weberei. Die Weberei ist interessant für die Künstlerin, weil auch die Technik des Webens auf der Grundlage von Rastern funktioniert. Zwei Fadensysteme werden rechtwinklig gekreuzt. Aber nicht nur strukturell, auch phänomenologisch gibt es Analogien, weil manche Kugelschreiberzeichnungen aussehen wie digital konzipiert, und die Weberei ein frühes digitales Medium ist. Durch die Verflechtung von Kett- und Schussfäden arbeitet man beim Weben letztlich mit Farbpunkten, die erst in der Zusammenschau ein Bild ergeben. Heute sprächen wir von Pixeln. Und tatsächlich wurden Jacquard-Webstühle bereits zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts von digitalen Datenträgern gesteuert – den Lochkarten.

Bei ihrem Besuch in einer Weberei bei Kassel stieß Kryzecki 2018 auf einen Stapel von fünfzig Jahre altem Patronenpapier aus der DDR. Dieses Papier mit einem aufgedruckten Raster diente Stoffgestaltern zum Entwurf von Textilmustern. Im Februar 2019 nahm Kryzecki das Patronenpapier nach Bethany / Connecticut mit, wo sie ein Atelierstipendium der Josef und Anni Albers Foundation erhalten hatte. Zum ersten Mal seit fast einem Jahrzehnt nahm sie dort einen Pinsel in die Hand. Und wie sie sich bei den Kugelschreiberzeichnungen auf das einfachste Mittel der Zeichnung beschränkte, die Linie, nutzte sie diesmal das einfachste Mittel der Malerei, den Pinselabdruck. Sie druckte kleine Formen in die Felder des Rasters, bestehend aus einer Geraden und einer Kurve – Kegelschnitte, ähnlich Halbkreisen. Selbst auferlegten Regeln folgend setzte Kryzecki diese Abdrucke wie Pixel in das Raster und überließ sich und die Arbeiten wie schon bei den Kugelschreiberzeichnungen dem Prozess. Und wieder zeigte dieser durch Zufälle, Abweichungen, Fehler oder die Sichtbarmachung von Strukturen eine Vielzahl von Entwicklungsmöglichkeiten auf. Nachdem Kryzecki dies erkannt hatte, ließ sie sich, zurück in Berlin, Raster auf Papier mit den Maßen 140x100cm und 190x150cm siebdrucken. In Anlehnung an das Patronenpapier, bei welchem die Eckdaten neben dem Raster verzeichnet sind, ließ Kryzecki ihren Namen neben das Gitternetz drucken und die Angaben der Entstehungsorte BETHANY / BERLIN auf die gegenüberliegende Seite.

Auf das eigens für die Künstlerin hergestellte Papier malte Caroline Kryzecki tausende von Pinselabdrucken aus Gouache und Aquarell. Hierbei arbeitete Kryzecki mit den Grundfarben Rot und Blau, jeweils in einer Vielzahl von Tönen. Durch die Kombination der Farben sowie die Veränderung von Größe und Ausrichtung des Abdrucks und des damit verbleibenden Weißraums, sowie durch die Modulation von Farbtönen und Opazität, kann Kryzecki die Arbeiten innerhalb des Rasters vielfältig variieren. Durch die Varianten innerhalb dieser Parameter ergeben sich in den fast siebentausend Feldern, wiederum unterteilt in etwa eine halbe Million kleinerer Felder, fast unbegrenzte Möglichkeiten. Die Künstlerin wählt zunächst eine von diesen Möglichkeiten, folgt einer selbst gesetzten Regel und schafft eine erste Struktur. Im Arbeitsverlauf ergeben sich dann immer wieder Situationen, die weitere künstlerische Entscheidungen oder Reaktionen auf den Prozess erfordern. Die Arbeit innerhalb des Prozesses ist dabei ein ständiges Wechselspiel intuitiver und reflexiver Schritte.

Das Repetitive und die Arbeit in Rastern lassen an die Arbeiten von Künstlerinnen wie Anni Albers, Irma Blank, Channa Horwitz oder Agnes Martin denken, ohne dass Kryzecki sich direkt auf diese bezöge. Parallelen und Inspirationsquellen sieht sie eher in der Musik; bei Komponisten wie John Cage oder Morton Feldman. Morton Feldman ließ sich für seine Kompositionen von der anatolischen Nomaden-Weberei inspirieren. Während des Webens ist bei dieser der jeweils fertige Teil nicht sichtbar, was zu Asymmetrien im fertigen Teppich führt. Diese werden jedoch nicht korrigiert. Vielmehr entscheidet der Prozess über das Werk. Wie für Feldman die Töne, sind für Kryzecki die Pinselabdrucke das Material für das Werden eines Werkes, nicht aber Bausteine einer fertigen Idee. Ein Feld abstecken, auf Grundlage von Strukturen arbeiten, Hierarchien ausschalten, sich dem Prozess anvertrauen, nichts korrigieren und auf eine fertige Idee verzichten, das sind Merkmale des Schaffens, in denen Kryzecki sich wiedererkennt.

Counting Silence hat Kryzecki ihre Ausstellung genannt. Dieser Titel lässt an die Stille der verschneiten Wälder Connecticuts denken, aber auch an das Verständnis von Silence im gleichnamigen Buch von John Cage. Cage, ein Freund von Feldman, und eine weitere wichtige Inspirationsquelle aus dem Feld der Musik. Cage erzählte oft, wie er in einem schalltoten Raum bemerkte, dass es Stille nicht gibt, weil man in einer lautlosen Umgebung den eigenen Puls und sein Nervensystem hört. Mit 4´33´´ erfand er ein Stück, das die Stille zum Thema hat, aus vermeintlicher Stille besteht, nicht komponiert ist und auf nichts verweist, sondern einfach geschieht wie der Kreislauf des Bluts im Körper. Auch die Arbeiten von Counting Silence pulsieren und verweisen auf nichts. Fast scheint es, als spüre man bei der Betrachtung den eigenen Pulsschlag: Counting Silence.

Counting Silence impliziert somit beides: Die Stille, aber auch das Numerische, den Rhythmus, die Taktung, den Ablauf von Zeit. Versenkt man sich in die Arbeiten von Counting Silence, scheint die Zeit still zu stehen. Wenn man Kryzecki nach dem Nucleus ihres Schaffens fragt, klingt es zunächst paradox, wenn sie angesichts ihrer strukturierten Vorgehensweise zuerst auf das Spielerische zu sprechen kommt. Aber auch dieser Widerspruch ist nur scheinbar, denn jedes Spiel hat Regeln. Die Beachtung dieser Regeln und die scheinbare Wiederholung des immer Gleichen beinhalten Momente der Freiheit. Auch diese Momente gilt es auszukosten. Sie sind selten. Ebenso wie die Stille und der Stillstand von Zeit. Wir sollten sie zählen. Counting Silence.

Ausstellungsdaten: Dienstag, 1. September – Samstag, 31. Oktober 2020

Zur Galerie

 

 

Ausstellung Caroline Kryzecki – Sexauer Gallery | Zeitgenössische Kunst in Berlin | Contemporary Art | Ausstellungen Berlin Galerien | ART at Berlin

 

 

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