post-title Jussuf Abbo | Kunsthaus Dahlem | 08.11.2019-20.01.2020

Jussuf Abbo | Kunsthaus Dahlem | 08.11.2019-20.01.2020

Jussuf Abbo | Kunsthaus Dahlem | 08.11.2019-20.01.2020

Jussuf Abbo | Kunsthaus Dahlem | 08.11.2019-20.01.2020

Kunsthaus Dahlem zeigt seit 8. November 2019 eine Ausstellung mit Werken des Bildhauers Jussuf Abbo.

Mit der Ausstellung Jussuf Abbo trägt das Kunsthaus Dahlem zur aktuellen Aufarbeitung der Kunst- und Museumsgeschichte vor, während und nach der NS-Zeit bei. Die Schau würdigt erstmals seit 1945 wieder in einem musealen Rahmen einen Bildhauer, dessen Schaffen im Vorkriegsdeutschland vielfach beachtet wurde, nach dem Ende der NS-Diktatur aber nahezu gänzlich in Vergessenheit geriet. Mit Ausnahme einer Galeriepräsentation Mitte der 1960er Jahre, wurde das Werk des Ende des 19. Jahrhunderts im Osmanischen Reich geborenen und seit den 1910er Jahren in Berlin lebenden Künstlers nach 1945 nicht mehr ausgestellt. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft war Jussuf Abbo 1935 nach England emigriert, wo er jedoch nicht an seine früheren künstlerischen Erfolge anknüpfen konnte. Und auch in Deutschland blieb trotz der intensiven Bemühungen prominenter Fürsprecher die verdiente Anerkennung aus. Abbo verstarb 1953 vollkommen verarmt im Exil.

Aufgrund zahlreicher Zerstörungen während der dramatischen Emigration des jüdischen Künstlers aus Deutschland nach England sind nur wenige seiner frühen Werke erhalten geblieben. Die Konfiszierungen in Museen 1937/38 durch die Nationalsozialisten und das zum Teil freiwillige Einschmelzen der Bronzen durch öffentliche Sammlungen trugen zu einer weiteren Reduzierung der Werke bei. Die Schau im Kunsthaus Dahlem konzentriert sich auf Skulpturen der 1920er und späten 1940er Jahre sowie auf eine Auswahl von Papierarbeiten. Die meisten Werke befinden sich heute in Privatbesitz oder im Nachlass des Künstlers. Begleitet von einer umfangreichen Publikation soll die Ausstellung dem bislang unsichtbaren Oeuvre des Künstlers aus den Jahren zwischen 1920 bis 1950 eine Öffentlichkeit verschaffen und es seiner kunsthistorischen Bedeutung entsprechend würdigen.
Die Ausstellung wird gefördert von den Geschwistern Mehler und dem Freundeskreis Kunsthaus Dahlem / Bernhard Heiliger e.V.

ART at Berlin - Courtesy of Kunsthaus Dahlem - Jussuf Abbo 1928 - Foto Gunter Lepkowski
JUSSUF ABBO, Frauenkopf, 1928, Zinn
Nachlass Jussuf Abbo, Brighton/England, Foto: Gunter Lepkowski

DER KÜNSTLER: LEBEN UND WERK
Abbo wird zwischen 1888 und 1890 in Safed/Palästina geboren. Als junger Mann arbeitet er 1909–1910 am Bau der Preußischen Augusta-Victoria-Stiftung in Jerusalem. Dort wird der deutsche Architekt Otto Hoffmann auf ihn aufmerksam und vermittelt ihm eine Ausbildung in Deutschland. Ab 1913 studiert Abbo an der Königlichen akademischen Hochschule für bildende Künste in Berlin.

1917 beginnt auch die Öffentlichkeit von Abbos Talent Notiz zu nehmen: Seine Arbeiten werden in der 31. Ausstellung der Berliner Secession am Kurfürstendamm präsentiert. Mit Ausstellungen bei Paul Cassirer (1919), Fritz Goldschmidt & Victor Wallerstein (1921), Ferdinand Möller (1922 und 1928) und Alfred Flechtheim 1932 ist Abbo in den damals wichtigsten Galerien für moderne Kunst präsent. Schon 1921 widmet ihm die Galerie von Garvens in Hannover die erste umfassende Einzelausstellung, und im Frühjahr des gleichen Jahres kauft die Nationalgalerie drei Zeichnungen an. Andere öffentliche Sammlungen folgen, so zum Beispiel erwerben die Städtischen Kunstsammlungen in Chemnitz 1924 die Porträtbüste des Kunsthistorikers Max J. Friedländer, die 1940 jedoch zur Einschmelzung im Rahmen der »Metallspende« freigegeben wird.

Souverän bewegt sich der Bildhauer in den 1920er Jahren in den Künstler*innen-Kreisen der Hauptstadt und genießt das Nachtleben der pulsierenden Metropole. Befreundet ist er mit der Dichterin Else Lasker-Schüler, die ihn in ihren Briefen erwähnt und ihm Gedichte widmet: »[Er] spricht die Sprache der Beduinenfürsten, die von den Wüstenvögeln ihre Laute lernten. Als Kind ritt er auf wildem Pferde mit den Stämmen. Ganz weiß ist Jussuff Abbus Herz geblieben. Doch seine Brauen, urwäldlich verwachsen, verfinstern seine Galiläeraugen« (aus: Else Lasker-Schüler, Jussuff Abu, 1923).

Auch international steigt das Renommee des Künstlers: 1924 nimmt Abbo an der Ersten Deutschen Kunstausstellung in Moskau teil, die von der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) organisiert wird, und 1929 wird er erstmalig in den Vereinigten Staaten präsentiert: Die Oakland Art Gallery zeigt ihn in der von Galka Scheyer kuratierten Ausstellung Seven Celebrated European Modernists neben Emil Nolde, Karl Hofer, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein und Oskar Kokoschka.

Während Abbo in Ausstellungen national und international Anerkennung findet, beginnt sich seine finanzielle Situation zu verschlechtern – Börsencrash und Weltwirtschaftskrise ziehen den Kunstmarkt in Mitleidenschaft. Und auch die politischen Umstände werden zunehmend widrig. 1931 bemüht sich Ludwig Justi, der Direktor der Nationalgalerie, noch um Ankäufe seiner Werke, 1933 sieht sich Abbo, der mit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches als staatenlos gilt, zur Emigration gezwungen. Ein vom ägyptischen Konsul ausgestellter gefälschter Pass ermöglicht Abbo und seiner Frau Ruth 1935 die Ausreise nach England.

Trotz zahlreicher Empfehlungsschreiben von Sammler*innen und Museumsleuten, doch ohne Arbeitsmaterialien und vorzeigbare Werke schlägt er sich im Exil als Gelegenheitsarbeiter durch, die Hoffnungen auf einen künstlerischen Neubeginn zerschlagen sich rasch. 1945 muss Abbo aus finanziellen Gründen sein letztes Atelier aufgeben. Da es an Geld mangelt, um die nunmehr heimatlosen Kunstwerke unterzubringen, zerstört der Künstler zahlreiche Arbeiten. Die letzten Jahre sind von Krankheit und finanziellen Entbehrungen geprägt. Zu allem Überfluss muss Abbo nach einer leichten Handverletzung, die unbehandelt bleibt, ein Finger amputiert werden. »Jede Hoffnung jemals wieder bildhauerisch zu arbeiten schien zerschlagen« – erinnert sich seine Frau Ruth später. Am 20. August 1953 stirbt Jussuf Abbo in London.

ART at Berlin - Courtesy of Kunsthaus Dahlem - Jussuf Abbo ca 1922 - Foto Mark Heathcote
JUSSUF ABBO, Maske vom Nordmeer, um 1922, Bronze,
Nachlass Jussuf Abbo, Brighton/England, Foto: Mark Heathcote

Abbo hinterlässt ein Werk, das von der Suche nach einer »plastischen Wirkungsform« (Arie Hartog) geprägt ist. Ausgehend von einer Auseinandersetzung mit den dem Klassizismus nahestehenden Theorien zur Bildhauerei von Adolf von Hildebrand entwickelt er schon in seinem Frühwerk einen Personalstil, der das Naturvorbild überwindet und in eine »prägnante Form« mündet. In seiner Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts (1924–1931) ordnet ihn Hans Hildebrandt einer Künstlergeneration zu, »die auf dem Boden unverformter Gegenständlichkeit stehen, […] sich gleich fern von Realismus wie von Idealismus im klassizistischen Sinne« halten. »Sie suchen die Form,« so Hildebrandt weiter, »doch nicht die leere, sondern die von Geist und Seele durchdrungene.« Seine Skulpturen hat Abbo in sehr verschiedenen Materialien ausgeführt. Sie zeugen von einem hohen Interesse an technischen Experimenten und Prozessen, die auch für den Betrachter nachvollziehbar bleiben sollen. Im Gegensatz zu seinen beruhigten Plastiken und Skulpturen sind seine Zeichnungen von oft kühnen expressiven Zügen geprägt. Die Subtilität in der Oberflächengestaltung seiner bildhauerischen Werke findet hier ihre Entsprechung in der unvermittelten Wirkungsmacht der zeichnerischen Geste.

ART-at-Berlin-Courtesy-of-Kunsthaus-Dahlem-Jussuf-Abbo-1939-Foto-Gunter-Lepkowski.jpg
JUSSUF ABBO, Kopf eines Schwarzen Mannes, 1939, Gips,
Nachlass Jussuf Abbo, Brighton/England, Foto: Gunter Lepkowski

DIE PUBLIKATION
Die erste umfassende Publikation zu Jussuf Abbos Leben und Werk umfasst fünf umfangreiche, kunstgeschichtliche Aufsätze, die sich mit unterschiedlichen Aspekten aus dem Leben und Schaffen des Künstlers beschäftigen. Beiträge liefern Prof. Dr. Burcu Dogramaci (Professorin für Kunstgeschichte an der LMU München und ausgewiesene Expertin für Exil-Kunst), Dr. Arie Hartog (Direktor des Gerhard-Marcks Haus Bremen), Dr. des. Jan Giebel (Universität Osnabrück), Ariele Braunschweig (Forschungsstelle Entartete Kunst, FU Berlin) sowie von der Kuratorin und Herausgeberin Dorothea Schöne erscheint in deutscher und englischer Sprache im Wienand Verlag.

Ausstellungsdaten: Freitag, 8. November 2019 – Montag, 20. Januar 2020

Zum Kunsthaus Dahlem

 

Bildunterschrift: JUSSUF ABBO, Kopf eines Schwarzen Mannes, 1939, Gips, Nachlass Jussuf Abbo, Brighton/England, Foto: Gunter Lepkowski

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