bis 19.09. | #5110ARTatBerlin | Galerie Kristin Hjellegjerde in Berlin zeigt ab Donnerstag, 13. August 2026 (Vernissage: 12.08.) die Ausstellung Tired Horses der Künstler Robert McNally und Charlie Roberts.
Antike Artefakte, welkende Blumen und Gesichter, die mit dicken Zahnpastastrichen skizziert sind. Ein Künstler, der geradezu besessen ist, Selbstporträts zu malen. „Tired Horses“, eine DuoAusstellung von Robert McNally und Charlie Roberts in der Kristin Hjellegjerde Gallery in Berlin, taucht tief in die Psyche der Künstler ein und untersucht, was es braucht, um ein kreatives Leben zu führen.
Der Ausstellungstitel bezieht sich auf „All the Tired Horses“ von Bob Dylan und den gleichnamigen deutschen Kurzfilm von Sebastian Mayr. Mit der wiederholten Textzeile „All the tired horses in the sun / How am I supposed to get any riding done?“ spiegelt der Song ein Gefühl kreativer Frustration und Erschöpfung wider, welches Dylan damals empfand. Der Film auf der anderen Seite ist eine Reflexion über Intimität, darüber, was wir preisgeben und was wir zurückhalten. Zusammengenommen rahmen diese Bezüge die Ausstellung als Reflexion nicht nur über künstlerische Erschöpfung ein, sondern auch über das beharrliche Schaffen trotz dieser Erschöpfung – eine Idee, die im Mittelpunkt des Dialogs zwischen McNally und Roberts steht.
McNally interessiert sich für die Spannung zwischen Wissen und Unwissenheit, Intimität und Distanz, Zwang und Chaos. Seine Arbeiten entstehen typischerweise in Phasen der Isolation, die es ihm ermöglichen, sich tief in seine eigenen Gedanken und sein Archiv gesammelter Bilder zurückzuziehen. Für diese Ausstellung kehrt er zu einer Zeit künstlerischer Auseinandersetzung zurück, als er in Berlin lebte und zeitaufwändige Bleistiftzeichnungen anfertigte sowie mit Zahnpasta als Material experimentierte, das er – außer durch Fotografien – nicht konservieren konnte. Diese Bilder werden hier in Acrylfarbe neu interpretiert – Vergänglichkeit wird dauerhaft gemacht –, wobei die Zahnpasta ein glänzenderes Aussehen annimmt, die Umrisse eines aus der Antike stammenden Gesichts oder einer Karikatur nachzeichnet. In einer weiteren Gemäldeserie gewinnt sie eine ganz eigene skulpturale Qualität und bildet den Stiel einer herabhängenden Blume, die Tag und Nacht widerspiegelt – nicht nur im zeitlichen Sinne, sondern auch als psychische Zustände. McNally stützt sich stark auf das, was er den „unterbewussten Antrieb“ nennt, und der widersprüchliche Schatten im Nachtgemälde spiegelt dieses Gefühl wider, dass sich etwas anderes offenbart.
Neben den Zahnpasta-Arbeiten finden sich zudem Kompositionen, wie das Gemälde „Strangeways“, die typischer für McNallys Schaffen sind: vielschichtig, mit vielfältigen Perspektiven, Materialitäten, kunsthistorischen Bezügen und „Easter Eggs“, die die einzelnen Werke miteinander verbinden. Der Tastsinn und der Akt des Schaffens stehen weiterhin im Mittelpunkt und kommen durch skulpturale Objekte, einen Kugelschreiber und das zerrissene Bild eines Künstlers bei der Arbeit zum Ausdruck. In den Händen des Künstlers, die wiederum subtil andersartig dargestellt sind – ein Arm scheint abgetrennt von der Schulter aus dem Bildrand hervorzuragen –, befinden sich ein Pinsel und ein Skalpell, eine mit Farbe verschmierte Palette und ein Klecks Zahnpasta. Der onzentrierte Blick der Figur wird durch die linienartige Schnittwunde um sein Gesicht, von der Blut herabtropft, noch verstärkt. Hier erscheint der Künstler zugleich in den Schaffensakt vertieft und von ihm entfremdet, gefangen zwischen Kontrolle und Zerfall.
Während die Figur des Künstlers in McNallys Gemälde auf eine Verschiebung innerhalb des Selbst hindeutet, weitet Roberts diese Erfahrung nach außen in den umgebenden Raum aus. In seiner Darstellung eines Künstlerateliers hat sich der Künstler zu einer cyborgartigen Gestalt entwickelt, mit übergroßen, langgestreckten Gliedmaßen und einem metallischen Helm als Kopf. Überall sind Bilder seines früheren Selbst zu sehen, am deutlichsten in seinem Spiegelbild, das über den roboterhaften Kopf hinweg die Betrachter*innen mit einem Ausdruck von Skepsis ansieht. Dieses abgestumpfte Selbst ist jedoch nicht das, das wir in den Selbstporträts sehen, die an den mit Farbspritzern übersäten Wänden hängen – diese Bilder wirken jugendlicher, als ob der Künstler in einem Kreislauf gefangen wäre, der ihn immer wieder in die Vergangenheit zurückzieht.
Das Chaos dieser Szene steht im Kontrast zu den ruhigen Innenräumen, die Roberts normalerweise malt, auch wenn die Architektur dennoch ein Gefühl von Frustration oder Eingeschränktheit vermittelt. Im Gemälde „Time Probe“ beispielsweise, in dem eine große Figur mit dem Rücken nah an eine Zimmerecke gedrückt steht, scheint der einzige Weg aus dem Raum nur durch eine winzige Tür zu sein, die am Fuße eines Beistelltischs erscheint, jedoch einzig eine Maus durchlassen würde. Der Raum selbst ist ästhetisch ansprechend, wobei die weißen Paneele an einen gitterartigen, minimalistischen japanischen Stil erinnern: eine Vase mit Blumen, in Blechdosen wachsende Setzlinge, ein schlafender Hund auf einem Teppich. Doch das Fehlen echter Fenster oder Blickwinkel nach außen ist beunruhigend – die Interpretation dieses Raumes ist nicht eindeutig. Die Figur selbst scheint in einem ähnlichen Dilemma gefangen zu sein; ihre zahlreichen Gliedmaßen und zwei Köpfe verstärken das Gefühl des Unheimlichen und deuten zugleich auf sich wiederholende Bewegungen hin. Wie bei allen Kompositionen von Roberts bleibt die Erzählung bewusst offen: Träumt die Figur einfach nur vor sich hin oder steckt sie in einer Art psychologischer Schleife fest? Ist der Raum ein Ort der Eingrenzung oder der Ordnung – und an welchem Punkt geht das eine in das andere über?
In den Werken beider Künstler zeigen sich Wiederholung, Verdopplung und räumliche Desorientierung als gemeinsame Merkmale der Schaffensprozesse, die weniger auf Stillstand als vielmehr auf Beharrlichkeit hindeuten. Der Akt der Rückkehr – sei es zu einem Bild, einem Raum oder einem Material – wird zu einer Geste der Hoffnung und Erneuerung.
ROBERT MCNALLY
Robert McNally (geb. 1982 in Newcastle upon Tyne, UK) lebt und arbeitet in Leicestershire, UK. Er schloss 2005 sein Studium am Camberwell College of Art der University of the Arts in London ab. McNallys Schaffensprozess ist äußerst arbeitsintensiv und von Einsamkeit geprägt. Die Hingabe an die akribische und körperliche Arbeit des Zeichnens steht im Mittelpunkt seiner Arbeitsweise und seines Ausdrucks. Ausgehend von den Einflüssen aus seiner Kindheit – Videospiele und ScienceFiction – bewegt sich sein Werk an der Grenze zwischen Digitalem und Analogem. Er erforscht eine innere Landschaft aus Einsamkeit, Zugehörigkeit und Isolation durch die Auseinandersetzung mit Technologie sowie die Formbarkeit von Kontext und Geschichte in der Post-Internet-Welt.
CHARLIE ROBERTS
Roberts’ Werke greifen auf kunsthistorische und popkulturelle Quellen zurück. Während er in seinem Atelier ausschließlich zu Hip-Hop-Musik arbeitet, inspirieren ihn Lil Wayne und Rick Ross ebenso stark wie seine anderen Vorbilder, die Meister der europäischen Renaissance Pieter Bruegel und Van Eyck. Das Ergebnis strotzt vor Energie, Entschlossenheit und einem einzigartigen Ausdruck. Die klaren Linien, die die Konturen der Figuren nachzeichnen, schaffen einen verführerischen und verzerrten Realismus – die wunderschönen weiblichen Figuren sind alle mit einer sehr frechen Haltung gemalt, die aus dem Paralleluniversum der Hip-Hop-Kultur und deren Fähigkeit stammt, die Illusion eines großartigen Lebensstils zu erzeugen. Charlie Roberts wurde 1984 in Kansas, USA, geboren und lebt und arbeitet in Oslo, Norwegen. Er studierte am Emily Carr Institute of Art and Design in Kanada und an der Kansas University in den USA.
Vernissage: Mittwoch, 12. August 2026, 18 – 20 Uhr
Ausstellungsdaten: Donnerstag, 13. August – Samstag, 19. September 2026
Bildunterschrift: Details aus Charlie Roberts, Ancient Evening, 2026 | Acryl und Graphit auf Leinwand | 120 x 130 cm & Robert McNally, Lover, 2026 | Acryl auf Holz | 50 x 40 cm
Ausstellung Robert McNally & Charlie Roberts – Kristin Hjellegjerde Berlin | Zeitgenössische Kunst in Berlin | Contemporary Art | Ausstellungen Berlin Galerien | ART at Berlin
