post-title Markues + Juwelia | Step Away | PSM Gallery | 01.09.–23.10.2022

Markues + Juwelia | Step Away | PSM Gallery | 01.09.–23.10.2022

Markues + Juwelia | Step Away | PSM Gallery | 01.09.–23.10.2022

Markues + Juwelia | Step Away | PSM Gallery | 01.09.–23.10.2022

bis 23.10. | #3592ARTatBerlin | PSM Gallery präsentiert ab 1. September 2022 die Ausstellung „Step Away“ des Künstlers Markues, in Zusammenarbeit mit Juwelia St.St.

In den Räumen der Galerie finden sich formlose Haufen, die mit Tarnnetzen bedeckt sind. Unter der Tarnung verbergen sich Objekte aus dem Reich der exurbanen Erholung: Rippen von Terrassenschirmen, gestapelte Stühle, zusammengeklappte Liegestühle, Schlafsäcke und vergessene Strandtücher. Diese versteckten Relikte finden sich auf Promenaden, Terrassen und in Schreber-Gärten. In der halböffentlichen Sphäre des Strandes brutzelt man leicht bekleidet unter Fremden, ein Schrebergarten ist nur dann eine private Idylle, wenn man es schafft, seine fünfzig Nachbarn zu ignorieren. Durch die Tarnnetze begegnen diese Objekte dem Besucher in einem seltsamen Zustand der Entfremdung. Die Tarnung funktioniert nur durch die Anpassung an einen Ort und seine Umgebung, aber gleichzeitig zeigt sie den Wunsch, dieser Umgebung zu entkommen oder sie zu überwinden. An dieser Nahtstelle zwischen Ort und Nicht-Ort präsentiert Markues eigene Aquarelle und Gemälde von Juwelia St. St.

Step Away bedeutet, zur Seite zu gehen, auf eine Pflicht zu verzichten, zu desertieren oder sich zurückzuziehen. Für den Schriftsteller Alfred Andersch liegt die Freiheit in diesen kurzen Momenten: „Man ist nie frei, wenn man gegen das Schicksal kämpft. Man ist überhaupt nicht frei, außer in den Momenten, in denen man sich aus dem Schicksal herausfallen lässt“. Diese Vorstellung von der Freiheit als Moment und dem eigenen Schicksal durchzieht die sechs literarischen Lesungen, die im Laufe der Ausstellung den Raum aktivieren. Die Protagonisten der Texte erzählen von unterschiedlichen Wegen, die an sie gestellten Erwartungen ins Leere laufen zu lassen. Sie erinnern an die Auswirkungen von Krieg und nationalistischem Denken auf den Einzelnen. Sie machen deutlich, dass – jenseits instrumentalisierter symbolischer Politiken wie dem Homonationalismus – queere und marginalisierte Menschen in den nationalistischen Narrativen des Westens nicht vorkommen. Sie wissen also, dass queere Menschen nicht Teil der body politic sind. Die Auswahl der Texte macht auch deutlich, welche Sensibilitäten und Haltungen untergraben werden, wenn das Denken ausschließlich um militaristische Kategorien und verbindliche Werte kreist.

Aquarelle aus Markues‘ Serie Für die Männer & die Anderen schmücken die Wände als Reste gesprochener Sprache und visuelle Äquivalente dieser kurzen Momente der Freiheit. Die Sätze können nicht gesprochen werden, zumindest nicht so, wie sie geschrieben sind. Sie entziehen sich der Sphäre der politischen Kommunikation und stoßen an die Grenzen der Lesbarkeit. Die Buchstaben verwandeln sich in Kleckse und formlose Gesten, auf der Suche nach einer anderen Form der Rhetorik, die sich der Logik des übermächtigen Männlichen entzieht. Der Titel Für die Männer & die Anderen ist eine gebrochene Anrede, eine in der Schwebe gehaltene Aufforderung. We don’t need another hero hallt der Song von Tina Turner nach; er sagt den Männern, dass wir ihr Heldentum, aber für die Anderen enthält er eine egalitäre Vision einer Gesellschaft ohne Führer. Leben und lieben lassen ist ein Zitat von Heinz Heger, der darüber schrieb, wie es ihm gelang, die Gefangenschaft in einem Konzentrationslager zu überleben, indem er sich sexuell benutzen ließ. Die Aquarelle erinnern uns daran, dass Kunst in einer Zeit zunehmender Aufrüstung nicht unbedingt ein eindeutiges Sinnangebot machen muss.

Die Loggia der Galerie ist kleinformatigen Gemälden von Juwelia St. St. gewidmet. Aus ihrem breiten künstlerischen Oeuvre zeigt PSM eine Auswahl von Gärten und Seelandschaften. Es sind Szenen des kleinen Glücks, reale und imaginäre Rückzugsorte, denn „wenn ich aus der Erinnerung male, wird es noch fantastischer“. Auch wenn Juwelia als eine Art Schreber-Garten-Hockney den Betrachter einlädt, sich vom rauen Alltag der Stadt zu verabschieden, verfällt sie nicht in ein verklärtes Landleben. Die Szenen bleiben indirekt mit der Stadt verbunden: ein kurzweiliger Ausflug, ein Wochenende an der Nordsee, ein Nachmittag in einem Gemeinschaftsgarten, nicht der Versuch, das Paradies in der Uckermark zu finden. Der Malstil von Juwelia ist manieristisch und anarchistisch zugleich. Laub und Blumen füllen die Bildfläche im Millefleur-Stil, Pflanzen wachsen, wie sie wollen, manchmal winden sie sich um Liebespaare, Sektflaschen und Törtchen. Ihre malerische Tätigkeit behauptet trotzig und doch selbstbestimmt die Möglichkeit einer besseren, wenn auch flüchtigen Welt. Die Schönheit ihrer Bilder liegt darin, dass sie nicht moduliert; die einzelnen Farbtöne stehen nebeneinander, verschmelzen nicht, kümmern sich nicht um eine Realität jenseits ihrer selbst. Sie fügen sich nicht zu einem malerischen oder politischen Programm zusammen. Juwelias Stärke liegt darin, sich trotz aller Widrigkeiten eine Welt nach ihren Maßstäben zu schaffen, wie in ihrer Galerie Studio St. St. in der Neuköllner Sanderstraße, wo sie jeden Freitag und Samstag ihre Gäste besingt, malt, unterhält, betört und brüskiert.

Sowohl Markues als auch Juwelia stellen sich Räume und Orte vor, die nicht völlig verlassen sind. Es sind Orte, an denen die Vorstellungen von der Gegenwart zurückgelassen werden können, Orte, die oft nur einen Schritt entfernt sind.

Ausstellungsdaten: Donnerstag, 1. September bis Sonntag, 23. Oktober 2022

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Bildunterschrift Titel: Markues, Liberté, Egalité, Fragilité, 2022, from the series For the Men & the Other, watercolour on paper, 30 x 40 cm.

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