post-title Kyunwoo Chun | Seoul Sazin | + Laurie Charles im [ERP Projekt] | EFREMIDIS GALLERY | 15.11.2019-25.01.2020

Kyunwoo Chun | Seoul Sazin | + Laurie Charles im [ERP Projekt] | EFREMIDIS GALLERY | 15.11.2019-25.01.2020

Kyunwoo Chun | Seoul Sazin | + Laurie Charles im [ERP Projekt] | EFREMIDIS GALLERY | 15.11.2019-25.01.2020

Kyunwoo Chun | Seoul Sazin | + Laurie Charles im [ERP Projekt] | EFREMIDIS GALLERY | 15.11.2019-25.01.2020

bis 25.01. | #2610ARTatBerlin | EFREMIDIS GALLERY präsentiert ab 15. November 2019 die Ausstellung Seoul Sazin des Künstlers Kyonwoo Chun. Zeitgleich wird im [ERP Projekt] der Efremidis Gallery in Kooperation mit EVBG die Künstlerin Laurie Charles mit der Ausstellung Moon in Scorpio gezeigt.

Efremidis Gallery freut sich, „Seoul Sazin“ zu präsentieren, eine Einzelausstellung von Kyungwoo Chun (*1969 in Seoul, Korea). Chuns fotografische Arbeit zeichnet sich durch eine poetische Sensibilität aus. „Seoul Sazin“ zeigt verschiedene Fotoserien des Künstlers, die von seinem fortwährenden Interesse an der Sichtbarmachung des Unsichtbaren zeugen.

Das Wort „Photographie“ setzt sich aus den griechischen Wörtern photos (ϕοτοσ) und graphos (γραοσ) zusammen und bedeutet soviel wie „mit Licht zeichnen“. Während der Begriff der Photographie den technischen Prozess selbst bezeichnet, steht das koreanische Wort „Sazin“ (사진) für „Transfer“ oder „Kopie der Wahrheit“ und betont somit das Ergebnis, also das Foto selbst. Dieser etymologische Unterschied, so die Kunsthistorikerin Dr. Ayelet Zohar, zeigt, dass die koreanische Gesellschaft nicht einfach das westliche Konzept der Fotografie, zusammen mit ihrer technischen Anwendung, übernommen hat. Stattdessen wurde es als Reaktion auf etablierte kulturelle und politische Diskurse umgedeutet. Das Wort „Sazin“ stammt ursprünglich aus der Goryeo Dynastie des 13. Jahrhundert, wo es eine Form sehr detaillierter Porträtmalerei bezeichnete. „Sazin“ wurde allerdings nicht als die Reproduktion einer materiellen Realität verstanden, sondern vielmehr als Austausch zwischen zwei Seelen.

Die Subjekte von Chuns Fotografien sind oft bis zur Unkenntlichkeit verschwommen. Dieser Effekt resultiert aus Chuns Versuch, Bewegungen in einem einzigen Bild mit überlangen Belichtungszeiten festzuhalten. Im Gegensatz zur Porträtfotografie des 19. Jahrhunderts entscheidet sich Chun ganz bewusst für lange Belichtungszeiten. Damit wendet er sich absichtlich von dem, im westlichen Kontext, ursprünglichen Zweck der Fotografie ab, einen Moment möglichst genau zu dokumentieren und ein Simulakrum der Realität zu präsentieren. Die längeren Belichtungszeiten erlauben Chun außerdem, den gleichen physischen und emotionalen Raum wie seine Subjekte oder Performer*innen einzunehmen.

Oft gibt Chun den Teilnehmer*innen seiner Arbeiten einen Rahmen vor, innerhalb dessen sie agieren. „Face to Face“ zeigt aufstrebende koreanische Schauspieler*innen, die gebeten wurden mit geschlossenen Augen Selbstporträts zu zeichnen. Die Schauspieler*innen sind es gewöhnt, vor und für eine Kamera zu performen, sie sind es gewöhnt, dabei beobachtet zu werden. Chun forderte sie auf, sich uns, ihrem Publikum, zu zeigen ohne sich dabei hinter einer Rolle zu verstecken. Wie sehen sie sich selbst, wenn sie keinen Charakter darstellen? Das Zeichnen der Selbstporträts, und somit auch die Aufnahme des Fotos, dauerte zwischen sieben und zehn Minuten. Die Zeichnung und das Foto wurden anschließend überlagert, face to face, von Angesicht zu Angesicht. Eine Begegnung zwischen Porträt und Selbstporträt, sich selbst sehen und gesehen werden.

Während der Aufnahmezeit ermutigt Chun die Dargestellten zu sprechen und sich zu bewegen, so dass er „auch die Aura der gegebenen Situation“ einfangen kann, wie Stephan Berg es in „Die Sichtbarkeit des Unsichtbaren“ formuliert. Flüchtige Momente schichten sich übereinander und zeigen schließlich Zeitlichkeit in einer kompensierten Form. „A Day in Seoul“ ist ein Tryptichon, das von Seouler Pendlern inspiriert wurde. Büroangestellte wurden in Chuns Studio eingeladen, wo sie in ihrer typischen Arbeitskleidung einen Tag lang jeweils morgens, nachmittags und abends vor der Kamera saßen. Der Kameraverschluss öffnete sich, als die erste Person eintraf, und schloss sich, sobald die letzte den Platz verließ. So füllen sie gemeinsam das Bild, erfassen die Stunden eines (Arbeits-)Tages, und bleiben dennoch getrennt.

In „Nine Editors“ bat Chun neun Mode-Redakteur*innen, ihr Lieblingskleidungsstück in sein Studio zu bringen, wo sie dann abwechselnd die Kleider aller anderen Teilnehmer*innen trugen. Fotografie verbindet sich hier mit Performance. Denn als prozessorientierter Künstler ist Kyungwoo Chun daran interessiert, wie seine Subjekte sich selbst wahrnehmen, aber auch, wie sie Zeitlichkeit und ihr Verhältnis zu anderen erleben.

ART at Berlin - Courtesy of EFREMIDIS GALLERY - Kyunwoo Chun
KYUNWOO CHUN – AusstellungSeoul Sazin

Zeitgleich wird im [ERP Projekt] der Efremidis Gallery die Künstlerin Laurie Charles mit der Ausstellung Moon in Scorpio gezeigt. Diese Ausstellung wird präsentiert von EVBG, einem Project Space von Marie Sophie Beackmann und Julie Gaspard.

ART at Berlin - Courtesy of EFREMIDIS GALLERY - Laurie Charles
LAURIE CHARLES – Ausstellung Moon in Scorpio

EVBG und Efremidis Gallery freuen sich, eine Einzelausstellung der in Brüssel lebenden Künstlerin Laurie Charles (*1987, Belgien) zu präsentieren. Mit Film, Text, Malerei und Installation arbeitend entwirft Charles spekulative Narrative, indem sie fiktive, folkloristische, geistes- und naturwissenschaftliche Geschichten miteinander verknüpft. Für „Moon in Scorpio“, eine textile Landschaft aus handbemalten Kissen und Vorhängen, hat sich Charles mit der historischen Verbindung von Gesundheit und Gender, also sozial determinierter geschlechtlicher Identität, befasst.

In der Fensterfront der Efremidis Gallery sehen wir eine Gruppe weicher Skulpturen, groß genug um als Sitzgelegenheit zu dienen, ihre softe Beschaffenheit lädt zur Berührung ein. Diese handgenähten und -bemalten Kissen erinnern an anatomische Zeichnungen von Pflanzen, deren mikroskopisch kleines Inneres um ein vielfaches vergrößert wurde. Gleichzeitig kommen einem unweigerlich die Formen und Strukturen weiblicher Geschlechtsorgane in den Sinn. Die Kissen besiedeln einen Zwischenraum – zwischen häuslicher Gemütlichkeit und skulpturalem Charakter, innen und außen, menschlich und nichtmenschlich – und erinnern uns letztlich an die unleugbare Verwandtschaft zwischen Menschen und Pflanzen.

Charles’ Vorhänge aus der Serie „Pharmakon“ erzählen eine spekulative Geschichte der Medizin aus dezidiert weiblicher Perspektive. Bilder und Symbole in Knallfarben sind in unbestimmter Anordnung auf den Stoffbahnen verteilt, anstatt eine chronologisch oder serielle Reihenfolge zu ergeben. Sie verweisen auf und verbinden persönliche, mythologische wie auch historische Erzählungen von weiblicher Gesundheit und Heilung: Der Zyklus des Mondes ist eng mit dem weiblichen Menstruationszyklus verbunden; die Schlange ist ein jahrhundertealtes Symbol für Fruchtbarkeit, schlängelt sie sich um eine Schüssel, wird sie zum international Zeichen für Pharmazie; das Bild von großen violetten Händen mit rot lackierten Nägeln, die ein Gelenk umrahmen, erinnert an die heilende Kraft des Handauflegens; Ingwer, Löffel, Waagen und Kräuter können als generelle Verweise auf Pflanzenheilkunde gelesen werden, beziehen sich aber auch ganz konkret auf die ausgiebige theoretische und literarische Recherche der Künstlerin zur Geschichte der Hexerei, Heilkunde, (weiblichen) Gesundheit und Krankheit.

Den Ausgangspunkt der Ausstellung bilden letztlich grundlegende Überlegungen zu Vorstellungen von „Gesundheit“ und „Krankheit“ und wie diese untrennbar mit Konzepten von Geschlecht, Glück und Wertigkeit zusammenhängen. Unsere Gesellschaft misst Produktivität Wert zu, ein gesunder Körper ist daher einer der arbeitet und funktioniert, und zwar in jeglichem Sinne des Wortes. Jede_r, der/die von dieser Norm abweicht, ist per Definition krank, muss reguliert, oder vielmehr repariert werden. In ihrem Text „Sick Woman Theory“, formuliert Johanna Hedva einen Appell, der diese Logik auf den Kopf stellt: „You don’t need to be fixed my queens – it’s the world that needs the fixing.“ („Es seid nicht ihr, meine Königinnen, mit denen etwas nicht stimmt – es ist die Welt, die in Ordnung gebracht werden muss.“) Statt in direktem Gegensatz zum Gesundsein könnte Kranksein neu gedacht werden als ein Zustand, in dem unser Körper und unsere Organe gegen ihre eigene Stille „rebellieren“, wie es der Anatom und Physiologe Marie François Xavier Bichat (1771-1802) bereits vor Jahrhunderten formuliert hat. Erst wenn unser Körper nicht mehr stillschweigend „arbeitet“ werden wir seines bewusst, spüren eine Verbindung, die uns, paradoxerweise, vielleicht sogar menschlicher fühlen lässt als vorher. Und erst dann können wir fragen: Was macht uns eigentlich krank?

Vernissage: Freitag, 15. November 2019, 18:00 bis 21:00 Uhr

Ausstellungsdaten: Freitag, 15. November 2019 – Samstag, 25. Januar 2020

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