post-title Jose Dávila + Michael Sailstorfer | König Galerie | 26.10.–20.12.2019

Jose Dávila + Michael Sailstorfer | König Galerie | 26.10.–20.12.2019

Jose Dávila + Michael Sailstorfer | König Galerie | 26.10.–20.12.2019

Jose Dávila + Michael Sailstorfer | König Galerie | 26.10.–20.12.2019

bis 20.12. | #2611ARTatBerlin | König Galerie präsentiert ab 26. Oktober 2019 die Ausstellung THE MOMENT OF SUSPENSION mit neuen Werken des Künstlers Jose Dávila (im Kirchenschiff/Nave) und die Ausstellung SINK, SANK, SUNK des Künstlers Michael Sailstorfer (in der Kapelle/Chapel).

Im Laufe seiner mehr als zwanzigjährigen Karriere beschäftigte sich der in Guadalajara lebende Jose Dávila mit der Architektur, dem Symbolismus und der materiellen Integration des Raumes. Für seine dritte Einzelausstellung in der König Galerie hat er unterschiedliche Arten von Steinkörpern entwickelt, die aus Basaltstein und Vulkangestein sowie aus alltäglicheren Materialien wie Kalkstein und Beton bestehen und sich gegenseitig in einem feinen Zusammenspiel von Volumen und Masse in der Schwebe halten. Ungeschliffener Fels und bearbeiteter Beton werden in spannungsgeladene Kongruenz gebracht. Die entstehende Balance, die die unterschiedlich gewichteten Materialien an Ort und Stelle hält, weckt Assoziationen an utopische Ideale.

Während die Sprache der Skulptur traditionell eine der Solidität und Beständigkeit ist, zeigt Dávilas Werk eine entschiedene Fragilität, die im Gegensatz zur Dichte der verwendeten Materialien steht. Die Arbeiten wirken stets so, als befänden sie sich kurz vor dem Zusammenbruch und zeigen dem Betrachter den Kampf der gegeneinander gerichteten Energien so deutlich auf, dass das instabile Erscheinungsbild die monolithische Stabilität vollkommen untergräbt. Was so sichtbar wird, kann weniger als ein einzelnes vereinheitlichtes Objekt als vielmehr als ein Austausch physikalischer Kräfte beschrieben werden, ein Querschnitt elementarer Prozesse, die sich auf das unaufhaltsame Gesetz der Schwerkraft beziehen.

Dávilas Raumartikulation imitiert ursprüngliche menschliche Verhaltensweisen wie das Stapeln und Balancieren und unterstreicht damit ein kollektives menschliches Bedürfnis zu konstruieren. Mehrere Arbeiten in The Moment of Suspension zeigen ungeschliffenes Gestein, das mit einem Ratschenband an eckige Betonblöcke gebunden ist. Eine Aura der Schwerelosigkeit umweht die Topographie der verbundenen Steine. Als Einzelwerke rücken diese geschichteten Skulpturen den zersetzenden Einfluss der Zeit in den Vordergrund und erschaffen so einen entropischen Zustand, der in ewiger Stasis verharrt.

Immer wiederkehrende Motive in den Arbeiten Dávilas sind zudem Treffpunkte und Schnittpunkte. Sein architektonisches Auge rekonstruiert das Raumolumen im Hinblick auf die verwendeten Rohstoffe und verwendet dabei vertikale Flächen, Rechtecke und Kugelformen, um Entwicklung und Wachstum zu symbolisieren. Die provisorische Schichtung, die jeder Skulptur zugrunde liegt, erinnert an die einzigartige Beschaffenheit eines einmal besuchten Ortes oder einer erinnerten Figur und bewahrt nur die konstruierte Essenz.

The Moment of Suspension ist durchdrungen von einem ganzheitlichen Standpunkt. Jede der ausgestellten Arbeiten verkörpert einen architektonischen Rhythmus, bei dem die Weite der geologischen Zeit auf die Raumebenen einer Betonfläche festgeschrieben wird. Die notwendige Vereinigung jedes Elements funktioniert wie die Organe eines Körpers, das Vehikel des Bewusstseins. Dávila verbindet strukturelle Innovation mit einem kosmologischen Verständnis von Dauer und zeigt, wie sich einzelne Teile auf ein übergreifendes Prinzip beziehen. Wird der Mikrokosmos entfernt, bricht der Makrokosmos zusammen.

Text: Jeffrey Grunthaner

ART at Berlin - Courtesy of KOENIG GALERIE - Jose Davila 2019
Jose Dávila, Untitled, 2019, concrete and stone, 191,7 x 83,2 x 78 cm (detail)

 Jose Dávila wurde 1974 in Guadalajara, Mexiko geboren. Er studierte Architektur am Instituto Tecnológico y de Estudios Superiores de Occidentein Guadalajara, Mexico, betrachtet sich jedoch als intuitiven Autoditakten.

Dávilas Arbeiten waren in der Getty’s PST LA/LA triennial in Los Angeles vertreten und wurden in der Sammlng Philara, Düsseldorf, DE; in der Hamburger Kunsthalle, Hamburg, DE; Marfa Contemporary, Marfa, USA, Savannah College of Art and Design; Gemeentemuseum, Den Haag; Museum Voorlinden, AG Wassenaar, Nederland, Museo Universitario de Arte Contemporáneo MUAC, Mexico City; Caixa Forum, Madrid; MoMA PS1, New York; Kunstwerke, Berlin; San Diego Museum of Art; Museo de Arte Reina Sofia,Madrid; MAK, Wien, Fundación/ Colección JUMEX, Mexico City; Bass Museum of Art, Miami; Museu do Arte Moderna, Sao Paulo; The Moore Space, Miami; NICC, Antwerp und vielen anderen ausgestellt; Dávila wurde außerdem in internationalen Publikationen wie Cream 3, ed. Phaidon, 100 Latin-American Artists, ed. Exit and The Feather and The Elephant, ed. Hatje Cantz gefeatured. 2017 wurde er mit dem Baltic Artists’ Award ausgezeichnet. Im Jahr 2020 eröffnet Dávila eine Einzelausstellung im Dallas Contemporary, Dallas, US sowie in der Fondazione Internazionale per la Scultura in der Schweiz.

ART at Berlin - Courtesy of KOENIG GALERIE - Michael Sailstorfer

Michael Sailstorfer, Antrieb, 2019, gasoline engine, butterfly, 70 x 100 x 80 cm (detail)

Anstatt eines Weihwasserbeckens hängt im Windfang der ehemaligen Sankt-Agnes-Kirche eine minimalistisch gestaltete, scharfkantige Spüle. Der Reflex auf dem stillen Wasserspiegel birgt einen Lösungsvorgang. Es ist unberechenbar, wann genau das Gefäß zu tropfen beginnen wird. Ebenso ungewiss ist die Dauer der Prozesse, denen das steinern anmutende Material unterworfen war, bevor es in diese Form gebracht wurde. Zurückhaltend tritt, oder, besser gesagt: hängt der wassergefüllte Salzstein den Betrachter*innen entgegen. Bedächtig graben sich die Wassermoleküle in die Salzkristalle ein. In der Arbeit Sink (2019) findet eine geologische Zeitlichkeit, ausgeübt im gewaltigen Druck von Erdschichten, vorübergehend zu einer kontingenten, gegenwärtigen Form. So unaufgeregt wie die formale Ausgestaltung der Skulptur, die an handelsübliche Blechspülbecken erinnert, ist auch ihr allmählicher Auflösungsprozess.
 
Die Ausdehnung des Werks in der Zeit, die Betonung oder Unterminierung materieller Eigenschaften und die Verteilung von Handlungsmacht sind insgesamt zentrale Merkmale von Michael Sailstorfers Praxis. Im ambivalenten Modus spielerischer Ernsthaftigkeit lotet der Künstler damit bereits seit zwanzig Jahren in stets neuen Suchbewegungen das Potenzial des skulpturalen Mediums aus. Seine siebte Einzelausstellung in der KÖNIG GALERIE bezieht ihren Titel von der eingangs erwähnten Salzsteinspüle. Als Zwischenstand eines langzeitlichen Prozesses bestärkt Sink, Sank, Sunk zugleich eine Semantik der Endlichkeit, die bedrohlich aktuell erscheint.
 
Trotz ökologischer Bezüge, sperrt sich das visuelle Vokabular der Ausstellung vereinfachenden Erklärungsmustern. Die gezeigten Werke verwischen insgesamt eindeutige Grenzziehungen, indem sie stattdessen dem unzertrennlichen Zusammenwirken verschiedener Handelnden Rechnung tragen. Über dem Empfang schweben acht dunkle Bronzegüsse in der Form und Größe von Glühbirnen. Die eigenständige Materialität und Oberfläche des Batterie-Feldes (2019) ergibt sich jedoch aus einer Vernetzung verschiedener Praktiken und Agierenden. Wachsabgüsse von Glühbirnen wurden in maßgerecht gefertigten Bienenkästen durch Honigbienen weiter bearbeitet, bis das industrielle Erscheinungsbild der Güsse von inselförmigen Waben überwuchert war. In Bronze gegossen und sandgestrahlt, oszillieren die hybriden Objekte schließlich unablässig zwischen technischer und tierischer Fertigung. Materielle Eigenschaften werden austauschbar.
 
Dort, wo das Natürliche zum Thema wird, ist es ganz offensichtlich an eine künstlerische Praxis angeschlossen und damit als kulturell durchzogen konnotiert. Zwei feine, sparsam gehängte Pflanzenskizzen – Distel und Brennnessel (2019) – erinnern zunächst an die frühneuzeitliche Ästhetik der Naturbeobachtung und Ideale der Naturschönheit. Das Trägermaterial betont jedoch die Artifizialität der Darstellung. Beim Zeichnen wiedersetzt sich das industriell gefertigte Schleifpapier den Bewegungen des Griffels. Die materielle Reibung greift die besondere Wirkungsmacht der abgebildeten Pflanzenspezies auf: Irritierend wird sie bei Berührung spürbar. So fangen die Strichgefüge einen vielschichtigen Moment des Widerstreits ein. Ihre gefährdete, dem Auslöschen ausgesetzte Materialität verweist, neben den Grenzen menschlicher Naturaneignung, zudem auch auf deren potenziell destruktive Effekte.
 
Im Hauptwerk der Ausstellung, Antrieb (2019), finden sich die techno-materiellen Bedingungen der Naturkonstruktion und -zerstörung deutlicher versinnbildlicht, und an ein bestimmtes ökonomisches System rückgebunden. Im Zentrum der Kapelle ruht ein intakter, funktionaler Ottomotor. Vor diesem dunklen Körper zuckt und tanzt, in der Luftverwirbelung eines Ventilators, ein blutroter Schmetterling. Das Tierpräparat ist mit einer Nadel auf dem Vergaser des Motors aufgesteckt. In der verstörenden Bewegung der Naturprobe blitzt die gestalterische Kehrseite von Nutzungspraktiken auf: ein komplexes, relationales Verständnis von Materie und Lebendigkeit. So widersprechen Sailstorfers neueste Arbeiten eindeutigen Dichotomien. Biologisches und Kulturelles kommen als wechselseitig durchdrungen zur Darstellung; ein Außerhalb der Technik scheint unmöglich. Die Verschränkungen diverser Agierenden, und die Möglichkeiten affektiver Anknüpfung, die ihrer materiell-gestalterischen Ergebnisse eröffnen, lassen indessen über angemessene Formen eines gemeinsamen Handelns nachdenken.

Text: Maria Bremer

Michael Sailstorfer (*1979 in Velden, Deutschland) lebt und arbeitet in Berlin. Er erwarb einen MA in Fine Arts am Goldsmiths College, University of London (2003 -2004). Er gehört zu den wichtigsten Vertretern zeitgenössischer Kunst aus Deutschland. Seine Arbeiten waren in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in aller Welt zu sehen, darunter RIBOCA1, Riga Biennale, Riga, Lettland; Michael Sailstorfer. Silver Cloud, Studio Michael Sailstorfer, Berlin (2017); It might as well be spring, Rochester Art Center, Rochester, Minn., USA (2014); B-Seite, Haus am Waldsee, Berlin (2014); Every piece is a new problem, CAC Contemporary Arts Center, Cincinnati (2014); Forst, Vattenfall Contemporary, Berlinische Galerie, Berlin (2012); Tornado, Public Art Fund New York, Doris C. Freedman Plaza, Central Park, New York City (2011); Raum und Zeit, S.M.A.K. Stedelijk Museum voor Actuele Kunst, Gent (2011); Forst, Kestnergesellschaft, Hannover (2010); 10 000 Steine, Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Main (2008); Und sie bewegt sich doch!, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München (2002).

Vernissage: Freitag, 25. Oktober 2019, 18:00 – 20:00 Uhr

Ausstellungsdaten: Samstag, 26. Oktober bis Freitag, 20. Dezember 2019

Zur König Galerie

 

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