bis 24.10. | #5161ARTatBerlin | Galerie Deschler präsentiert ab Donnerstag, 10. September 2026 die Ausstellung HANDMADE BY—Part II der Künstler*innen Georg Haberler, Seet van Hout, Bouthayna Al Muftah, Sergio Roger, Magda Sayeg, Yukiko Terada, Joana Vasconcelos und Gerhard Kehl.
Am Anfang steht der Faden. Aus einer einzelnen, biegsamen Faser entsteht durch Drehen, Verknüpfen, Verschlingen und Verdichten eine Struktur, die Ordnung schafft, ohne das Ungeordnete gänzlich aufzulösen. Der Faden verbindet, hält zusammen, markiert Verläufe und eröffnet zugleich die Möglichkeit, sich zu verfangen. In unserer Sprache finden sich dafür zahlreiche Bilder: Gedanken werden weitergesponnen, Zusammenhänge geknüpft, Geschichten entwirrt, man verliert den Faden oder verstrickt sich in Widersprüche.
Neun Jahre nach der ersten Ausstellung mit dem Titel Handmade by widmet sich die Galerie Deschler erneut der vielfältigen Beziehung von Kunst und textilen Verfahren. Handmade by—Part II, kuratiert von der Häkelkünstlerin Patricia Waller, versammelt internationale Positionen von Georg Haberler, Seet van Hout, Bouthayna Al Muftah, Sergio Roger, Magda Sayeg, Yukiko Terada und Joana Vasconcelos, deren Arbeiten die Grenzen zwischen Textilkunst, Skulptur, Installation und Malerei auf unterschiedliche Weise ausloten und die Auseinandersetzung mit dem schöpferischen Potenzial des Handgemachten mit neuen künstlerischen Ansätzen weiterführen. Neben den textilen Werken werden in der Ausstellung Holzskulpturen des vor zwei Jahren verstorbenen Künstlers Gerhard Kehl zu sehen sein, die einen weiteren Aspekt des handwerklichen Schaffens aufzeigen und in Dialog mit den textilen Arbeiten treten.

Gerhard Kehl, Snobbish Seahorse, 2001, 100 cm
Was die Werke verbindet, ist nicht nur ein bestimmtes Material, der Faden, sondern auch eine Haltung gegenüber dem Prozess des Machens. Wo textile Techniken eingesetzt werden, wird Zeit selbst zu einem Bestandteil des Werkes. Wiederholung und Geduld treffen auf Konstruktion und Zufall; aus einzelnen Elementen entsteht ein Ganzes. Damit steht die grundlegende menschliche Erfahrung der textilen Arbeit, aus dem verworrenen und ungeordneten Chaos der Fasern, Fusel und Verfilzungen ein Gewebe herzustellen, für die entscheidende Fähigkeit, aus einer Vielzahl von disparaten Einzelteilen Zusammenhänge und Sinn zu schaffen.
Das Textile steht dabei nicht für eine abgeschlossene Gattung, sondern für ein Prinzip. Es kann sich ausbreiten, verdichten, verhüllen oder offenlegen, Körper und Räume definieren, Erinnerungen speichern und kulturelle Erfahrungen weitertragen. Die ausgestellten Arbeiten zeigen, wie aus dem scheinbar Einfachen komplexe Bild- und Bedeutungsräume entstehen können – zwischen Handwerk und Konzept, Intimität und Monumentalität, Ordnung und Auflösung.
Georg Haberler
Georg Haberler (geb. 1985 in Graz, lebt und arbeitet in Wien) arbeitet mit Nähmaschine und Acrylfarbe – ein handwerklicher Prozess, der Malerei und Näharbeit zu einer eigenen Bildsprache verbindet. Aus Garn und Farbe entstehen kleine, kindlich anmutende Figuren und Tiere, die durch seine Bilder turnen, balancieren, ins Spiel vertieft und dabei oft nah am Abgrund – ein Gegenentwurf zur Glätte und Perfektion einer zunehmend technologisierten Bildwelt. So werden Kompositionen daraus, die weniger erzählen als andeuten – und die Betrachtenden einladen, mit kindlicher Neugier selbst weiterzudenken.
Seet van Hout
Alles, was ich sagen möchte, teile ich durch meine visuellen Arbeiten mit. Meine Arbeit ist ein Ausdruck meiner selbst im jeweiligen Moment: wie ich die Dinge betrachte, was um mich herum geschieht und wie ich dies interpretiere. Durch diesen Prozess versuche ich, den Wundern des Hierseins eine Form zu geben – dem Unbeschreiblichen, dem Geheimnisvollen und jener Schöpfung, die sich in der Natur, im Universum, in der Erinnerung, in der Schönheit und in der Menschheit widerspiegelt. Mit einem offenen Geist, der die Welt um sich herum aufnimmt – wie ein Radar, das nach Verbindungen sucht.
Gerhard Kehl
Seit 2001 schuf Gerhard Kehl (1964–2024), der auch unter dem Namen -KEHL- arbeitete, Holzskulpturen unter dem Titel Volkskunst. In einer Verbindung traditioneller erzgebirgischer Holzschnitzkunst mit der glänzenden, fantastischen Bildwelt der zeitgenössischen Populärkultur verwandelte Kehl vertraute Formen deutscher Volkskunst in etwas gleichzeitig Spielerisches, Rätselhaftes und unverkennbar Zeitgenössisches.
Auf wesentliche Formen reduziert und häufig durch hochglänzende, lackierte Oberflächen geprägt, bewegen sich seine Skulpturen zwischen Handwerk und Konzeptkunst, Tradition und Moderne, Vertrautem und Befremdlichem. Hinter ihrer scheinbar humorvollen oder skurrilen Erscheinung verbirgt sich eine subtile Auseinandersetzung mit kultureller Identität: Kehl nutzt die Bildsprache der Volkskunst, um zu hinterfragen, wie Identitäten in der heutigen Gesellschaft entstehen, überliefert und verändert werden.

Bouthanya Al Muftah, Untitled – Series (GAADAH TITMASHATT تتمشط )فاعده | Brushing, 2026, 36 x 26 cm
Bouthayna Al Muftah
Brushing Her Hair führt Gedanken aus meinen früheren Werkserien Living: Architectures of Memory und Um Al Salasil WIl Thahab zusammen, was sich ungefähr mit Die Frau in Gold übersetzen lässt. Im Mittelpunkt stehen Frauen, Erinnerung, Identität und kulturelles Erbe sowie die Frage, wie kulturelle Narrative durch Schmuck, Gesten und überlieferte Praktiken weitergegeben werden. Der Titel geht auf ein lokales bzw. regionales Lied zurück, in dem eine Frau beschrieben wird, die ihr Haar bürstet oder frisiert. Die Arbeit begreift das Frisieren und Flechten als Akte der Fürsorge, durch die Geschichten, Erfahrungen, Erinnerungen und kulturelle Praktiken von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Diese Erinnerungen bilden ein lebendiges Archiv, das durch Wiederholung und Erfahrung fortwährend neu gestaltet wird und das hervorbringt, was ich als „Familie der Nachbarschaft“ bezeichne – ein Netzwerk von Frauen, die durch Fürsorge, Zugehörigkeit und gemeinsame Geschichte miteinander verbunden sind. Faden, Tinte und Papier stehen für Haar, Verbindung, Abstammung, Kontinuität sowie für die fragmentierte und vielschichtige Beschaffenheit von Erinnerung. Sie spiegeln wider, wie Erinnerungen sich im Laufe der Zeit ansammeln, wiederholen und neu zusammensetzen. In performativ angehauchten Videos und fotografischen Arbeiten setzt sich die Arbeit mit Erinnerung als einer bewohnten und sich ständig wandelnden Struktur auseinander. Sie zeigt, wie Identität und kulturelles Erbe fortwährend durch das geprägt werden, was wir erben, erinnern und bewusst weitertragen.
Sergio Roger
Sergio Roger ist ein in Barcelona lebender zeitgenössischer Künstler, dessen textile Skulpturen und Installationen antike Kunst aus einer zeitgenössischen Perspektive neu interpretieren. Seine künstlerische Praxis hinterfragt konventionelle historische Narrative und die westliche Museumspraxis und setzt sich mit Vorstellungen von Dauerhaftigkeit, Erinnerung und historischer Gewissheit auseinander. In der Verbindung von technischer Meisterschaft und konzeptioneller Reflexion untersucht sein Werk kollektive Identität, das Sakrale sowie die Schnittstelle zwischen universellen Mythen und persönlichen Narrativen.
Magda Sayeg
Magda Sayeg gilt als Pionierin des Yarn Bombing und arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten an der Schnittstelle von Textilie, Skulptur, Architektur und öffentlichem Raum. Im Zentrum ihrer Praxis steht die Transformation vertrauter Objekte und Strukturen durch handgefertigte textile Materialien, die Intimität und menschliche Spuren in monumentale oder funktionale Umgebungen bringen. Zu ihren bedeutenden ortsspezifischen Interventionen zählen die textile Transformation von Louise Bourgeois’ „Maman“ im Mori Art Museum in Tokio, mehr als zwanzig zehn Meter hohe Palmen für „Dubai Walls“, ein vollständig mit rotem Strickmaterial transformiertes Treppenhaus in La Condition Publique sowie die Intervention an einem rund 200 Jahre alten Freilufttheater im Yu Garden in Shanghai. Durch die Verschiebung von Maßstab und Kontext hinterfragt sie traditionelle Vorstellungen davon, wo Textilien hingehören und wie wir Architektur und öffentlichen Raum wahrnehmen. Ihre Arbeiten verändern die Identität eines Ortes oder Objekts nicht, sondern eröffnen neue emotionale, räumliche und materielle Perspektiven.
Yukiko Terada
Yukiko Terada setzt ihre Forschungsreise fort, auf der sie den unerwarteten Verbindungen und historischen Beziehungen nachspürt, die sich durch Stoff und Stickerei zwischen weit voneinander entfernten Orten ziehen, die auf den ersten Blick keinerlei Bezug zueinander haben. In ihrer Serie Endless Embroidery, die auf einer Reise basiert, die Berlin, den Nordosten Japans und Island miteinander verbindet, verwendet sie deutsches „Rolltuch“ und Stickrahmen, um halbplastische Formen an der Wand entstehen zu lassen. In jedem Stickrahmen werden Motive, die in zwei unterschiedlichen Kulturen eine ähnliche Bedeutung oder Form besitzen, dekonstruiert und neu zusammengesetzt, um Berührungspunkte zwischen ihnen auszuloten. Auch die Nadeln verbleiben an den Enden der Stickfäden. Darin spiegelt sich die Hoffnung, dass die Stickerei – eine Praxis, die über Generationen hinweg von namenlosen Frauen in verschiedenen Regionen der Welt weitergegeben wurde – auch in Zukunft fortbestehen wird.
Die Ausstellung präsentiert zudem die Dokumentation dieser Reise und den Entstehungsprozess der Arbeiten sowie die begleitende Publikation, die Teradas bisherige künstlerische Praxis zusammenführt: The World is Innocence—Places where Fabric and Embroidery Weave History.
Joana Vasconcelos
Fast eine universelle Sprache, kennt das Häkeln auf der ganzen Welt unterschiedliche Ausdrucksformen und bedarf doch keiner Übersetzung. Ich habe überall auf der Welt Häkelarbeiten gesammelt und bin immer wieder erstaunt über ihren Reichtum an Details und ihre Vielfalt. Jahrhundertelang war das Häkeln eine der wenigen kreativen Ausdrucksmöglichkeiten, die Frauen offenstanden. Es wurde im häuslichen Umfeld ausgeübt und diente sowohl dem Schutz als auch der Dekoration. Später geriet es in den hintersten Ecken von Schubladen in Vergessenheit und wurde seiner Bedeutung und seines Stellenwerts beraubt. Durchdrungen von der Intimität der Privatsphäre, ruft es Erinnerungen hervor, die eher von Emotionen als von Rationalität geprägt sind. Ich verwende Häkelarbeiten in meinen Valkyries, wo sie über Figuren aus Zement und Ton drapiert werden, sowie in Bestiary mit Keramiken von Raphael Bordallo Pinheiro.
Raphael ist einer der bedeutendsten Künstler Portugals. Ich bin mit seinen Tierkeramiken in den Häusern meiner Familie aufgewachsen, weshalb es sich für mich ganz natürlich anfühlte, sie in die zeitgenössische Kunst zu überführen. Pferde, Stiere, Wölfe, Katzen, Schlangen, Krabben und andere Tiere bedecke ich mit Häkelarbeiten von der Insel Pico auf den Azoren, wo Kunsthandwerkerinnen diese exquisite Tradition bis heute pflegen. Die daraus entstehenden Arbeiten erforschen unsere Beziehung zum Tierreich und die Spannung zwischen Geborgenheit und Macht. Die Tiere, von denen wir uns ernähren oder die wir domestizieren, geben Aufschluss über unsere private und kollektive Vorstellungswelt. Auf diese Weise ehre ich das Erbe und die handwerkliche Kunstfertigkeit der Frauen, die das Häkeln seit jeher praktizieren.
Kuratiert von Patricia Waller & Galerie Deschler Berlin
Vernissage: Donnerstag, 10. September 2026, 19:00-22:00 Uhr
Ausstellungdaten: Donnerstag, 10. September bis Samstag, 24. Oktober 2026
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Bildunterschrift Titel: Joana Vasconcelos, Danubio, 2023, 25 x 55 x 125 cm
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