post-title Wir suchen das Weite | Reisebilder von Albrecht Dürer bis Olafur Eliasson | Kupferstichkabinett | bis 25.09.2016

Wir suchen das Weite | Reisebilder von Albrecht Dürer bis Olafur Eliasson | Kupferstichkabinett | bis 25.09.2016

Wir suchen das Weite | Reisebilder von Albrecht Dürer bis Olafur Eliasson | Kupferstichkabinett | bis 25.09.2016

Wir suchen das Weite | Reisebilder von Albrecht Dürer bis Olafur Eliasson | Kupferstichkabinett | bis 25.09.2016

bis 25.09. | #0540ARTatBerlin | Das Kupferstichkabinett nahe dem Potsdamer Platz zeigt als Sommerausstellung „Wir suchen das Weite. Reisebilder von Albrecht Dürer bis Olafur Eliasson“.

„Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen ist.“ (Jean Paul, in „Das Kampaner Tal“, 1797)

Jeder Mensch ist auf der Reise. Reisen, Unterwegs sein, Mobilität, sind zentrale Themen seit Anbeginn der Menschheit. Und so tauchen Reisende in der Kunst aller Epochen auf. Das Kupferstichkabinett zeigt in seiner Sommerausstellung 2016 die schönsten, verlockendsten und kuriosesten Reisebilder aus acht Jahrhunderten, von der illuminierten ToggenburgBibel bis zu Franz Ackermanns „Mental Maps“, von der Schedelschen Weltchronik bis zu Ed Ruschas 60er-Jahre-Tankstelle „Mocha Standard“.

Mental Maps – Die Welt auf Papier

Das Reisethema und die Kunst auf Papier erscheinen aufs Engste verknüpft – sind es doch mobile Medien wie Skizzenbücher, Zeichnungen, Aquarelle und Ölskizzen, mit denen uns die Künstler in fremde, neue Welten entführen. So werden in Rötel- und Tuschezeichnungen, in der bezaubernden Farbigkeit vieler Blätter und den verschiedensten graphischen Techniken Authentizität, Mobilität und Spontaneität der Kunst auf Reisen unmittelbar anschaulich. Zunächst ist es aber die Vermessung und Kartographierung der Welt, die den Globus erfahrbar macht. Prachtwerke des 15. und 16. Jahrhunderts wie die Schedelsche Weltchronik und „Die Städte der Welt“ von Braun und Hogenberg offenbaren im ersten Ausstellungsteil „Mental Maps. Die Welt auf Papier“ die Wissbegier der frühneuzeitlichen Entdecker, Autoren und Künstler.

Der Bogen spannt sich von Matteo Paganos monumentalem Plan der Stadt Kairo – einem Knotenpunkt der sich vernetzenden Welt – bis hin zu Olafur Eliassons „Cartographic Series“. Genauso wie der Holzschnitt Distanz und Nähe vereint (wir entdecken Details wie Bauwerke, Tiere, Touristen), so oszillieren die Photogravüren zwischen mikroskopischem Ornament und makroskopischer Landschaft. Auf dem Pergament des Miniaturmalers Joris Hoefnagel kontrastiert die fragile Nähe der Muscheln mit dem Fernblick auf Cadiz im Hintergrund.

Der Weg ist das Ziel – Wanderung und Wallfahrt

„Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.“ Goethes Bonmot aus dem Jahre 1788 ist aktueller denn je: Wir leben in einer hektischen Zeit, zu der auch das schnell erreichte Pauschalurlaubsziel keine wirkliche Alternative bietet. Doch es muss nicht immer die Ferne sein. Wanderung und Wallfahrt sind wiederentdeckte Mittel zur Entschleunigung und Selbstreflexion. Kulturgeschichtlich gehört die Reise per pedes zu den ältesten Formen des Reisens überhaupt, wie die zweite Ausstellungssektion „Der Weg ist das Ziel. Wanderung und Wallfahrt“ zeigt.

Der Künstler inszeniert nicht nur seine Motive, er nimmt sich auch selbst zum Thema – der „Reise-Künstler“ wird zum vielseitigen Topos: Der mutige Maler begibt sich an den Rand des Vulkans oder zeigt sich bei seiner Arbeit, dem Zeichnen. Auf anderen Blättern stellt er sich gemeinsam mit seinen Reisegenossen dar. Oder es wird der einzelne wandernde Künstlerfreund zum Motiv. Die Erkundung der eigenen Heimat ist in der Kunst des späten 18. Jahrhunderts durchaus eine Neuheit. Seit der Renaissance waren Maler, Zeichner und Architekten eher in den fernen römischen Ruinen anzutreffen als vor den heimischen Relikten mittelalterlicher Burgen und Klöster.

Zu Lande, zu Wasser, in der Luft – Reisemittel und Mobilität

Im dritten Ausstellungsteil „Zu Lande, zu Wasser, in der Luft. Reisemittel und Mobilität“ nimmt die Geschichte der Mobilität Fahrt auf. Nach dem Reisen per pedes bedienen sich Reisende nun verschiedener Hilfsmittel: Pferde, Trosswagen, Kutschen. Schnelligkeit und Komfort gewinnen zunehmend an Bedeutung: Schiff, Eisenbahn, Auto, Omnibus und Flugzeug sind die neuen Transportmittel. Es ist die Seefahrt, die über weite Teile der Menschheitsgeschichte hinweg bis heute das wichtigste Fortbewegungsmittel ist, als Voraussetzung für Welterschließung und -vermessung, Handel und Ideenaustausch.

Im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der Industrialisierung, nimmt die Eisenbahn Fahrt auf. Adolph Menzels Skizze zum Gemälde „Die Berlin-Potsdamer Eisenbahn“ entsteht nach der Natur und zeigt daher die noch leeren Schienen in weiter Landschaft – erst auf dem zwei Jahre später ausgeführten Gemälde ist die rauchende Lok eingefügt (Alte Nationalgalerie). Mit John Wesleys „Black Car“ und der ikonischen „Standard“-Tankstelle des US-amerikanischen Pop Art-Künstlers Ed Ruscha folgen Evokationen der unendlichen Weite amerikanischer Highways, kongeniale Traumbilder des individuellen Reisens.

Kultur und Bildung – Die Italienreise

Die vierte Sektion „Kultur und Bildung. Die Italienreise“ führt uns ins „Land wo die Zitronen blühn“. Die Sehnsucht nach Italien ist nicht allein ein Topos der Romantik im 19. Jahrhundert. Bis heute belegt das Land einen der vorderen Plätze im Rennen um das beliebteste Reiseziel. Es sind vor allem die berühmten Städte mit ihren Kunstwerken und antiken Monumenten, die Italien zum Mittelpunkt der kulturellen Erneuerung Europas werden ließen. Und so darf die „Grand Tour“ in kaum einem KünstlerPortfolio seit dem 16. Jahrhundert fehlen.

Ein eigenes Genre innerhalb der Reisethematik ist der Blick aus dem Fenster des Hotels, des temporären Ateliers. Was das Auge des Künstlers beim Blick in die unbekannte Gegend zu fesseln vermag, zeigt die große Bandbreite der künstlerischen Wahrnehmung im 19. Jahrhundert. So dokumentiert etwa der Architekt Karl Friedrich Schinkel mit akribischer Genauigkeit die Schauseite Roms mit ihren berühmten Bauwerken. Im Gegensatz dazu bietet uns Klinger den ungeschönten Blick in die Hinterhöfe, den man gut und gern als „Pasolini-Blick“ bezeichnen mag. HauptTopoi solch divergierender Italien-Motive sind Rom und Venedig. Die „ewige Stadt“ auf der einen Seite, die schwimmende Lagunenstadt auf der anderen Seite. Stolz und repräsentativ die eine, morbide und mysteriös die andere.

Einmal um die Welt – Kunst und Wissenschaft

Professionelle Reisezeichner spielen eine bedeutende Rolle für unser heutiges Bild von den Forschungs-, Entdeckungs- und Handelsfahrten der Frühen Neuzeit bis zur Moderne. Der fünfte Ausstellungsteil „Einmal um die Welt. Kunst und Wissenschaft“ zeigt, dass sich ästhetische und wissenschaftliche Interessen spätestens seit den Zeiten Alexander von Humboldts die Waage halten. Insbesondere die farbigen – oder mit Farbannotationen versehenen – Arbeiten bekräftigen die Faszinationskraft der fernen Orte, ihrer Sehenswürdigkeiten und Bewohner. Rutger van Langevelts Verbildlichung des „Tauschhandels“ legt die dunkle Seite des Kolonialismus offen, die auch Johann Moritz Rugendas’ gedrucktes Werk „Malerische Reise in Brasilien“ thematisiert. Das Vorbild der modernen „Südsee-Pilger“ war Paul Gauguin. Die Suche nach ursprünglicheren Lebensformen ist als Gegenbewegung zum Fortschrittsbestreben der industrialisierten Gesellschaft – und zur Dekadenz der Moderne – zu begreifen. Die Sehnsucht nach idealen Schaffensbedingungen führte Gauguin nach Tahiti, wo er mit seinen enigmatischen Akten und Kultobjekten ein irdisches Paradies erdachte. Groß ist der Gegensatz zur Realität einer verarmten, durch Kolonialisierung und Missionierung gebrochenen Bevölkerung, wie er sich einige Jahre später in Emil Noldes Porträts niederschlägt.

Irrfahrten des Odysseus – Fluchten, innere und letzte Reisen

Sehnsucht und Fernweh manifestieren sich auch in der Imagination, in Phantasie-Reisen und Weltflucht, wie die letzte Sektion „Irrfahrten des Odysseus. Fluchten, innere und letzte Reisen“ offenbart. Fiktives Reisen wie bei Sindbad oder Baron Münchhausen erweitert den Erlebnisraum und ermöglicht ganz andere Ziele und Entdeckungen. Künstler aller Zeiten interessierten sich für die abgründigen, verkehrten und zwanghaften Seiten der irdischen Wege. Darstellungen von Flucht und Vertreibung gehören ebenfalls dazu. Beginnend mit der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten (etwas zeitversetzt auch im Raum des Kupferstichkabinetts in der Gemäldegalerie ausgestellt) über die Vertreibung der französischen Hugenotten 1685 und deren Aufnahme in Preußen bis zu den hoffnungsvollen Immigranten in die USA ist die erzwungene Reise in der Kunst allseits präsent. Die Stadt New York als Zufluchtsort und Sehnsuchtsziel ist nach dem 11. September 2001 zugleich Ausgangspunkt einer veränderten Weltordnung und eines verunsicherten Reiseverhaltens. Philip Pearlsteins Aufsicht auf Manhattan aus den 1970er-Jahren führt uns mit der unschuldigen Dokumentation von Freiheitsstatue und Twin Towers die Fragilität von Weltbildern vor Augen. Die Ausstellung endet mit Bildern der letzten Reise. Doch zu guter Letzt wünschen wir, nicht so ironisch wie die alptraumhaften Gestalten Francisco de Goyas: Buen Viage – eine gute Reise.

Die Sommerausstellungen im Kupferstichkabinett

Mit seinen Sommerausstellungen hat das Kupferstichkabinett – Staatliche Museen zu Berlin, ein neues Ausstellungsformat in das deutsche Museumswesen eingeführt. Die bisherigen Schauen „Wir gehen Baden!“ (2014) und „Wir kommen auf den Hund!“ (2015) stießen beim Publikum wie in den Medien auf großes Interesse. Ziel ist es, den Besuchern während der Sommermonate – Zeit der Ferien, Zeit der Reisen, Zeit für Kultur – besonders attraktive und populäre Themen der Kunst- und Kulturgeschichte zu präsentieren. Auch humoreske und ironische Züge kommen in der nun von Prof. Dr. Hein-Th. Schulze Altcappenberg und Dr. Ina Dinter kuratierten, rund 100 Werke umfassenden Ausstellung nicht zu kurz.

Ausstellungsdaten: Freitag, 18. März bis Sonntag, 25. September 2016

Eine Ausstellung des Kupferstichkabinetts – Staatliche Museen zu Berlin

Zu Kulturforum, Kunstbibliothek & Kupferstichkabinett

 

Bildunterschrift: „Wir suchen das Weite. Reisebilder von Albrecht Dürer bis Olafur Eliasson aus dem Kupferstichkabinett“ Nicolai-Verlag, Berlin, Deutsch/Englisch, 136 Seiten, 60 Abbildungen, ISBN 978-3- 89479-956-4, Preis: 19,95 € (Buchhandel) / 14,95 € (Museumsshop)

Sommerausstellung Wir suchen das Weite – Kupferstichkabinett – ART at Berlin

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