post-title Peter Fischli | Galerie Buchholz | 15.09.-30.10.2021

Peter Fischli | Galerie Buchholz | 15.09.-30.10.2021

Peter Fischli | Galerie Buchholz | 15.09.-30.10.2021

Peter Fischli | Galerie Buchholz | 15.09.-30.10.2021

bis 30.10. | #3149ARTatBerlin | Galerie Buchholz präsentiert ab 15. September 2021 eine Einzelausstellung mit Werken des Künstlers Peter Fischli.

Planet People Profit

Es ist so eine Art Mnemosyne-Atlas einer unterbeobachteten visuellen Kultur, den Peter Fischli mit seinem neuen Projekt “Planet People Profit“ entwickelt, auch wenn es nicht um Symbole und Gesten auf Bildern geht, sondern um Texte/Titel und deren Beiwerk. Verschiedene Ordnungsschemata und Subkategorien überlagern sich dabei. Zum einen handeln alle Bücher vom Geldverdienen und dessen Optimierung, sehr viele fallen außerdem in die Kategorie der Ratgeber oder How-to-Bücher, doch einige stammen von seriösen Verlagen wie Routledge und sind, wenn auch mit ein wenig Vorsicht, wissenschaftlich zu nennen. Die meisten sind physikalisch vorhandene Bücher, einige existieren aber nur als E-Book und werden lediglich so präsentiert als wären sie physisch vorhanden. Manche wurden in Regalen einschlägiger Buchhandlungen an Londons Business-Flughafen, dem so genannten “City Airport“ fotografiert, andere im Internet gefunden. Einige sind obskur, einige sind sehr erfolgreich, einige sind Zusammenfassungen anderer, längerer erfolgreicher Bücher.

Allen gemeinsam ist, dass sie den Leser_innen helfen wollen, Geld zu verdienen. In unterschiedlichen Maße haben sie dabei ein schlechtes Gewissen; manche haben keine Skrupel oder auch ostentativ keine Skrupel (David W. Leppanen, “The Art of Business Warfare – Outmaneuvering Your Competition With Military Tactics“). Fast alle bemühen sich den Anschein eines begrifflichen Wissens zu erwecken, einige verwenden tatsächlich Begriffe so wie sie in irgendeinem Diskurs als technische Terme eingeführt sind, andere tun nur so, wieder andere denken sich Begriffe aus. Wo das schlechte Gewissen gedämpft werden soll wird bei wohl eingeführten Kategorien Zuflucht gesucht, die entweder etwas mit Moral (Ravee Mehta, “The Emotionally Intelligent Investor. How self-awareness, intuition and empathy drive performance“) oder mit einem guten Leben (“The Positive Power of Negative Thinking“, Julie K. Horem, Ph.D.) zu tun haben sollen. Selbst die Skrupellosen – von den sich ein Teil hinter technischen Kategorien versteckt – brauchen aber externe Legitimation (Tom Goodwin, “Digital Darwinism – Survival of the Fittest in the Age of Business Disruption“), nun aber bei den anerkannt oder explizit Bösen (Theodora Lau / Bradley Leimer, “Beyond Good“).

Durchgehend gilt, dass das jeweils Fachfremde in Illustration, Typographie, Thematik, Begrifflichkeit die Grenze markiert, die hier immer durchlässig ist, bzw. den Rahmen, der wie ein Supplement bei Derrida funktioniert: die Illustration durch den griechischen Philosophenkopf, eine Großstadtsilhouette oder eine Menschengruppe. Diese bestenfalls assoziativ mit dem Titel verbundenen Motive treten in den Mittelpunkt und übernehmen die Darstellung: Und natürlich gibt es hier nichts pur – außer mit Verlaub falsches Bewusstsein, das immer angewiesen ist auf Hilfestellung von außen.

Neben Aby Warburg als Vorbild für die eindeutig ordnenden, aber sich ständig überlappenden und selbst infrage stellenden Ordnungskriterien und Sortierkategorien, könnte man als ästhetischen Großvater all dieser Buchgestaltung den Rapper Master P nennen, dessen, gemessen an Verkaufszahlen extrem erfolgreiche, Karriere unbeachtet von den kulturellen Zentren der USA und der Welt in den Groß- und Mittelstädten des mittleren Westens zwischen den mittleren 90ern und den späten Nuller Jahren stattgefunden hat und der in ähnlich hemmungsloser Weise und weitgehend unangeleitet die seinerzeit verfügbaren Graphikprogramme benutzte und eine sehr spezielle und dennoch generische Form der Bildmontage entwickelte: ein ultraeklektisches, mit viel elektronischen Schatten, digitalen Aureolen und subpsychedelischen Versionen von Fotoeffekten wie Fischauge arbeitendes Speisekartenbarock, das sich von zahlreichen dieser Buchtitel nur durch die Gewalt- und Sex-Motive unterscheidet, die bei den Business-Büchern durch Garten-, Plantagen- und anderen Baumpflegemotiven ersetzt werden. Eine weitere Gemeinsamkeit sind digitale Steinmetzsimulation und insbesondere 3-D-Simulationen von Grabsteingraphik. Für weitere Vertiefung wäre die von Jazzybella311 liebevoll zusammengestellte Liste “worst album covers EVER“ auf Discogs zu empfehlen.

Doch neben Bäumen, die von einem Gärtner zu Dollarzeichen zurechtgeschnitten werden und kleinen Münzstapeln, aus denen, sorgsam auf Muttererde geschichtet, zarte Pflänzchen wachsen, sind die allgemein bekannte Populärikonographie von kosmischen Vorgängen auch Katastrophen und abstrakte Metaphern am beliebtesten. Jede Art von Linien-Muster, auch stilisierte Mäander, natürlich Netze (von abstrakten Punkten oder etwas, das Sterne eines Sternbildes sein könnten), Verknüpfungen, Diagramme, geometrische Spielereien, Punkte, Puzzlesteine, Kreise und Linien mit Vektorpfeilen, Wellen – das alles steht für die hier so begehrte Intelligenz. Für einen anderen neoliberalen Begriffsfetisch, die ebenfalls gerne bemühte Authentizität, stehen Fingerabdrucke, Kreidestriche, Pinselabdrucke und andere Indexikalia.

Würde man alle Bücher zusammenfassen, hätte man ein Manifest, das für ein ökologisch bewusstes, gleichwohl radikal egoistisches, mit emotionaler Intelligenz und viel Empathie über Leichen gehendes, extrem effizientes Wirtschaften eintritt, dabei komplexe Systeme nutzt, um menschliches und anderes Verhalten zuverlässig vorauszusagen, während im Hintergrund eine Art apokalyptische, gleichwohl strahlende Sonne aufgeht und das Chaos herrscht.

Das Projekt hat die seltsame Sogkraft jeder halbordentlich geordneten Bibliothek, jeder Taxinomie, die konsistent zu bleiben scheint, während sie sich qua Einsatz ihrer Kriterien selbst auflöst. Dabei hat sie den Vorteil, dass sie eine Welt erschließt, die uns, obwohl verständlich und lesbar, komplett fremd ist. Ethnographie der eigenen Kultur – diese oft verwendete Formel trifft es nicht: es ist für die geisteswissenschaftlich-künstlerisch gebildete Klientel, die in Kunstausstellungen geht, ja nicht die eigene Kultur. Aber ist es das geheime Leben der (über uns) Herrschenden? Kennt jemand irgendeinen Menschen, der sowas liest? Und wie sieht es in dessen Kopf aus? Ist falsches Bewusstsein ein fröhlich bunter Kinderspielplatz aus aufgemotzten Nullsätzen, also komplett ungefährlich, ja liebenswert? Oder besonders gemeingefährlich?

Diedrich Diederichsen, Berlin 2021

Cans, Bags and Boxes

Alle Skulpturen und Sockel bestehen aus Karton und verweisen so auf Verpackungsmaterialien. Sie sind kaschiert mit Zeitungen (Neue Zürcher Zeitung, 1914, Neue Presse, 1967/1968, Migros Zeitung, 2021) und Kaschierpapier. Keine der Skulpturen trägt einen Titel, obwohl manche “Ateliertitel“ oder Spitznamen haben. Zwei verschiedene Arten von Kleber wurden verwendet: Tapetenkleister und weißer Holzleim. Sämtliche Skulpturen und Sockel wurden zunächst mit einer Mischung aus Emulsionsfarbe für Innenräume und Champagnerkreide gestrichen. Weitere Farbschichten aus Acryl, unechter Rost, Silikatfarbe, Gouache oder Lackfarbe wurden aufgetragen. Auf diese Weise wurde eine Reihe von Oberflächeneffekten erzielt. Die Skulpturen wurden unter Mitarbeit von Pascal Schneuwly hergestellt. Jason Klimatsas half bei Entwurf und Ausführung der Sockel. Einige der Skulpturen basieren auf der Erinnerung an Kunstwerke, die für einen Film entstanden, der 1981 in Los Angeles gedreht wurde. Man könnte sagen: Je besser das Requisit, desto näher kommen wir der realen Möglichkeit einer Skulptur. Und: Je überzeugender die Skulptur, desto erfolgreicher ist auch die Wahrscheinlichkeit, einen Künstler in Erscheinung treten zu lassen.
Viele der ausgestellten Skulpturen sind 2021 entstanden, andere sind ältere, überarbeitete Mutationen.

Peter Fischli / John Kelsey

Work, Summer

Die einzelnen Szenen dieses Videos wurden im August und September 2018 im MediaMarkt Dietikon – fünf Gehminuten von meinem Arbeitsplatz entfernt – mit meinem Mobiltelefon von einem Flachbildschirm abgefilmt. Es sind Kurzfilme für die Bewerbung von GoProKameras. Ohne zu zögern kann man sagen, das Ganze sei von einem Übermaß an Positivität durchdrungen, alles und alle sind in ständiger Bewegung. Im Gegensatz dazu versuchte ich möglichst still zu stehen, alles möglichst ruhig abzufilmen, ausgenommen von einem 360-Grad Panoramaschwenk, der den Ort des Geschehens erfasst. Diese fragmentarischen Sequenzen sind Imitationen authentischer Kleinstfilme aus den Bereichen Sport und Spiel, Tourismus sowie allerlei Freizeitaktivitäten im Freundes- und Familienkreis. In einer Montage sind diese zum Teil in Zeitlupe und mit der Standbildfunktion des Mobiltelefons aufgenommenen Sequenzen zu einem späteren Zeitpunkt durch Selektion und Wiederholung einzelner von mir favorisierter Szenen zu einem Loop von etwa zwölf Minuten zusammengefügt worden. Alle Tonaufnahmen wurden ebenfalls vor Ort gemacht. Dabei handelt es sich um unterschiedliche Tonquellen: die Beschallung des Ladens mit mehrheitsfähiger, aktueller Popmusik sowie die Soundschleifen der zum Verkauf angebotenen Geräte der Unterhaltungselektronik. Auch Geräusche der allgemeinen Betriebsamkeit haben sich eingeschlichen. Im Zeitraum von zwei Monaten habe ich den MediaMarkt 23 Mal besucht, niemand hat mich bei meiner Arbeit gestört. Weitere Tonaufnahmen entstanden im Sommer 2021 bei erneuten vielfachen Besuchen im MediaMarkt. Diese wurden für den hier gezeigten neu überarbeiteten Edit verwendet.

Peter Fischli

Vernissage: Mittwoch, 15. September 2021, 19:00 bis 21:00 Uhr

Ausstellungsdaten: Mittwoch, 15. September – Samstag, 30. Oktober 2021

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Bildunterschrift: Courtesy by Galerie Buchholz – Peter Fischli

Ausstellung Peter Fischli – Galerie Buchholz | Zeitgenössische Kunst in Berlin | Contemporary Art | Ausstellungen Berlin Galerien | ART at Berlin

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