post-title Henrike Naumann | OSTALGIE | KOW | 02.02.-06.04.2019

Henrike Naumann | OSTALGIE | KOW | 02.02.-06.04.2019

Henrike Naumann | OSTALGIE | KOW | 02.02.-06.04.2019

Henrike Naumann | OSTALGIE | KOW | 02.02.-06.04.2019

bis 06.04. | #2347ARTatBerlin | KOW präsentiert ab 2. Februar 2019, als letzte Ausstellung in den Räumlichkeiten der Galerie, die Einzelausstellung OSTALGIE der Künstlerin Henrike Naumann.  

Henrike Naumanns erste Einzelausstellung bei KOW, mit der sich die Galerie zugleich nach zehn Jahren aus ihren Räumen in der Brunnenstraße 9 verabschiedet, widmet sich den historischen Dimensionen einer besonderen Ausprägung von Nostalgie: der Ostalgie. Schon der Ausstellungsraum selbst beinhaltet eine nostalgische Geste: Die in der Architektur von Arno Brandlhuber konservierte Baulücke, die bei Google Street View noch immer besichtigt werden kann und aus der 2009 die Galerieräume von KOW entstanden, verweist auf ein untergegangenes Berlin-Mitte. Das Nebengebäude, das von einem Multimillionär anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls zynisch mit dem Spruch „Dieses Haus stand früher in einem anderen Land“ beschrieben wurde, markiert eine fast schon feindliche Erinnerungsaneignung.

Wie jedes andere Gefühl im Kapitalismus wurde auch die Ostalgie ökonomisiert. Henrike Naumanns neue Videoarbeit Die Monotonie des Yeah Yeah Yeah (Walter Ulbricht), eingebettet in das Originalmobiliar eines brandenburgischen Schuhladens der 90er Jahre, widmet sich dem Zusammenhang der Vermarktlichung von Erinnerung und der Konstruktion einer neuen ostdeutschen Identität. Es geht um die Geburt der Ostdeutschen aus dem Beat der Ostalgie-Parties. Deren Erfinder, Ralf Heckel, deutet in seiner Selbsterzählung die erste Ostalgie-Party in der Silvesternacht des Jahres 1994 als ekstatisches Vergemeinschaftungsritual, das die „wirkliche Freiheit des Geistes“ der Ostdeutschen ermöglichte. Ostalgie-Produkte sind die Artefakte dieses längst vergangenen Aufbruchs, gleichzeitig sind sie Erinnerungen an einen vermeintlich magischen Moment: „Wir durften nicht nur sagen, was wir wollten, wir konnten sogar singen, was niemand hören wollte.“ (Ralf Heckel)


Ausstellung OSTALGIE von Henrike Naumann

Ostalgie lässt sich als ein individuelles und kollektives Sehnsuchtsgefühl betrachten: als positiv empfundene Projektion einer fiktiven DDR-Gesellschaft, die sich aus medialen Diskursen und selektiven Erinnerungsfetzen zusammensetzt. Dieses Gefühl steht im Widerspruch zur kommunistischen Geschichtsphilosophie des historischen Materialismus. In der Logik des gesetzmäßigen Fortschritts der Geschichte konnte die Vergangenheit unmöglich besser sein als die Zukunft. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus, dem globalen autoritären Rollback und der Erderwärmung hat die Zukunft jedoch als Gesellschaftsentwurf ihre Attraktivität verloren. Auf der anderen Seite ist Ostalgie auch eine Form des Widerstands, eine Gegen-Erinnerung („counter-memory“, Daphne Berdahl), die sich einer hegemonialen Erinnerungs- und Gedenkkultur ebenso entgegenstellt wie einer Kolonialisierung ostdeutscher Lebenswelten.

Das lineare Treppenmodell marxistischer Gesellschaftsentwicklung und das kapitalistische Wachstumsparadigma teilen einen positiven Bezugspunkt: die Urgesellschaft der Sammler und Jäger als eine Projektion der menschlichen Fundamente des Sozialen. Naumanns neue Installation Ostalgie (Urgesellschaft) nimmt im Erdgeschoss der Galerie die Materialität anthropologischer Narrative und reaktionärer Gesellschaftsentwürfe in den Blick. DDR-Alltagsobjekte vermischen sich mit cartooneskem Mobiliar zu einer flintstonehaften „Neosteinzeit“ (Markues). Naumanns Arbeit fragt nach der Anziehungskraft von Utopien, deren Versprechen darin liegt, die Komplexität der Gegenwart zu reduzieren und eine vermeintlich einfache Vergangenheit zu konstruieren. Eindeutig mit Gewalt und Macht durchgesetzte geschlechtliche, rassische, soziale Ordnungen bilden die gedanklichen Konstanten dieses imaginierten „Retrotopia“ (Zygmunt Bauman). Wenn der Boden nicht mehr trägt, wird er zur Wand.

Massenarbeitslosigkeit, Entwertung von Lebensleistungen, Flexibilisierung und Auflösung sozialer Bindungen waren die Landmarken eines als Dschungel wahrgenommenen Ostdeutschland, für dessen Kartierung westdeutsche Beamte bis 1995 eine Sonderzahlung erhielten, die sogenannte Buschzulage. Erst in diesem „Land vor unserer Zeit“ (Littlefoot) etablierten sich die „Ostdeutschen“ als Selbst- und Fremdzuschreibung. Ostalgische Gefühle, Produkte und Praktiken sind ideeller und materieller Ausdruck der aktiven Herstellung kultureller Differenz.

ART at Berlin - Courtesy of KOW - Henrike Naumann - 1
Ausstellung OSTALGIE von Henrike Naumann

Auf seinem Weg zu den Sedimenten der Vergangenheit führt der Schacht Martin Hoop vorbei an kryptischen Zeichensystemen der Nachwendezeit. Die im Untergeschoss gezeigte Werkgruppe 2000 verbindet neuere und ältere Sound- und Videoarbeiten zur einer Problemgeschichte der deutschen Gegenwart. Hier liegen die Wurzeln der Ostalgie. Arbeitslose Bergleute, gemeingefährliche Reichsbürger, ein fanatischer Fundamentalist und die knallharte Treuhand- und Expochefin Birgit Breuel sind Akteure, die dem postsozialistischen Zusammen- und Aufbruch ihren Stempel aufgedrückt haben. Möbel, Teppiche und Fernseher fungieren als Erinnerungsanker, an denen eine unendlich ferne und doch gerade erst vergangene Zukunft ablesbar wird.

Text: Clemens Villinger

Vernissage: Freitag, 1. Februar 2019, 18:00 – 22:00 Uhr

Ausstellungsdaten: Samstag, 2. Februar – Samstag, 6. April 2019

Zu KOW

 

Bildunterschrift: Courtesy of KOW – Henrike Naumann

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