bis 18.04. | #5002ARTatBerlin | Galerie Barbara Thumm zeigt ab Samstag, 21. März 2026 (Vernissage: 20.03.) die Ausstellung „serpent serpent Snake“ der Künstlerin Fernanda Galvãos.
Wie stellen wir Natur dar? Diese Frage fordert eine kritische Neubewertung der westlichen Geschichte des Sehens. Mit der Erfindung der Perspektive in der Renaissance etablierte die Malerei ein visuelles Regime, das auf das menschliche Subjekt ausgerichtet war: Die Welt wurde um einen stabilen Standpunkt organisiert, durch Tiefe strukturiert und nach harmonischen Regeln geordnet. Natürliche Elemente – Bäume, Pflanzen, Flüsse, Berge – wurden innerhalb eines rationalen und anthropozentrischen Rahmens verteilt. Wie Anne Cauquelin (1) gezeigt hat, fällt die Landschaft nicht mit der Natur selbst zusammen; sie ist eine kulturelle Konstruktion. Der Rahmen begrenzt nicht nur ein Bild, er erzeugt eine Weise des Sehens und damit auch eine Weise, den Raum symbolisch zu bewohnen.
Fernanda Galvãos Malerei arbeitet gegen diese Tradition. Sie bietet weder einen stabilisierten Horizont noch einen dominanten Blickpunkt, weder kontemplative Distanz noch tröstlichen Rückzugsraum. Formen fließen über, durchdringen einander und vermehren sich, wodurch Räume ohne Ursprung oder Ende entstehen. Was hervortritt, ist nicht länger eine Natur, die dafür geschaffen ist, betrachtet zu werden, sondern ein autonomes Milieu, das unserer Präsenz gegenüber gleichgültig ist.
In der Ausstellung in der Barbara Thumm Gallery erreicht diese Untersuchung eine neue Schwelle, indem die Malerei in den Raum verlagert wird. Eine schlangenartige Struktur aus drei Paneelen, auf Körpermaß skaliert und mit Leinen bespannt, führt eine geschwungene Linie ein, die den Betrachter physisch einbezieht und seine Bewegung verändert. Malerei wird zu Volumen, Situation, Präsenz. Die Autorität des Blicks löst sich auf: Man kann nicht mehr bestimmen, ob man über einer Landschaft steht, sich in einem Körper befindet oder vor einer kosmischen Kartografie. Chromatische Verführung steht im Kontrast zur Dichte der Oberflächen und zur Komplexität der Texturen und verlangt anhaltende Aufmerksamkeit. Nichts erscheint als greifbares Ganzes; die Erfahrung entfaltet sich in Fragmenten, durch Veränderungen der Nähe und wiederholte Neuorientierungen.
Die Frage der Grenze wird zentral. Formen scheinen über ihre Ränder hinauszuwachsen, als wäre die Leinwand nicht mehr ausreichend, um ihre organische Ausdehnung zu fassen. Schichten aus Öl, Kohle und Pastell lagern sich in einer geschichteten Zeitlichkeit ab und verwandeln die Malerei in einen lebendigen Prozess, in dem jede Schicht die Erinnerung an die vorherigen bewahrt.
Das Werk erzeugt somit weniger ein Bild zur Betrachtung als vielmehr eine Umgebung zum Bewohnen, gleichsam Planeten mit eigenen Klimata und Zeitlichkeiten. Eine erste Schicht stark mit Lösungsmittel verdünnten Öls legt weite, wässrige Felder an, die die atmosphärische Tonalität der Oberfläche bestimmen. Organische Massen und mineralische Schichten scheinen inneren Logiken von Schwerkraft und Temperatur zu folgen. So wie Nicolas Floc’h (2) die Farbe des Wassers als Offenbarung unsichtbarer biologischer oder geologischer Phänomene beschreibt, lassen sich Fernanda Galvãos Paletten – kalte Blautöne, thermische Rottöne, dermale Rosatöne – als sensible Klimaregister einer Welt im Wandel lesen. Konkave Formen bewahren Kühle, während konvexe Oberflächen Wärme abstrahlen; eine Schlange würde solchen thermischen Gradienten folgen und ihren Körper an die Umgebung anpassen. Wie alle wechselwarmen Arten bezieht sie Wärme aus externen Quellen und wird so zu einer aufnehmenden Oberfläche statt zu einer in sich geschlossenen Einheit.
Hybridität bildet eine zentrale Achse dieser Praxis, geprägt von einem posthumanen Verständnis des Lebendigen. Ausgehend von einem verkörperten Prozess erkundet Fernanda Galvão die Möglichkeit, das Territorium des Körpers zu erweitern. Ihre Formen, genährt von fotografischen, botanischen und wissenschaftlichen Referenzen, verschmelzen zu instabilen Entitäten, die sich einer festen Taxonomie entziehen. Anatomie wird fließend, die Grenzen zwischen Innen und Außen lösen sich in osmotischen Prozessen auf. Die schlangenartige Struktur erweitert diese Reflexion um eine dysmorphe Dimension: Die malerische Oberfläche biegt sich, dehnt sich und verkörpert sich im Raum, wodurch der Betrachter gezwungen wird, Transformation körperlich zu erfahren. Hybridität wirkt zwischen Architektur und Malerei, Organismus und Planet, Menschlichem und Nichtmenschlichem und hebt die Gegensätze zwischen Landschaft und Innerlichkeit, Darstellung und Erfahrung auf. In Anlehnung an Lynn Margulis’ Prinzip der „Symbiose überall“ (3) erscheint das Leben als ein Netzwerk von Wechselbeziehungen, in dem keine Form isoliert existiert. Indem Galvão Pflanzen, Materialien und sogar unbelebter Materie Handlungsmacht zuschreibt, entwirft sie eine Welt, die nicht länger um den Menschen zentriert ist.
Diese spekulative Dimension bringt ihre Arbeit in die Nähe der Science-Fiction. Malerei wird zu einem Labor möglicher Welten, die von nicht-menschlichen Logiken bestimmt werden. In diesem Sinne wirkt Ursula K. Le Guins Aussage „Ich sehe keine Zukunft für die Menschen, sondern für alles andere“ (4) weniger wie eine Prophezeiung als vielmehr wie eine poetische Hypothese. Es geht nicht darum, ein Verschwinden anzukündigen, sondern die Aufmerksamkeit auf andere Lebensformen und andere Zeitlichkeiten zu lenken.
Malerei beschreibt nicht länger eine Welt; sie verwirklicht eine. Sie illustriert und erklärt nicht, sondern etabliert eine autonome Wahrnehmungssituation, die den Ausstellungsraum und unsere Weise, ihn zu bewohnen, transformiert. Fernanda Galvãos Werke eröffnen posthumane Landschaften, in denen Metamorphose und Symbiose die Kontrolle ersetzen und in denen die Zukunft bereits in der vibrierenden Dichte der malerischen Materie keimt.
Margaux Knight
Vernissage: Freitag, 20. März 2026, 18:00 – 21:00 Uhr
Ausstellungsdaten: Samstag, 21. März – Samstag, 18. April 2026
Zur Galerie
Bildunterschrift: Fernanda Galvãos, serpent serpent Snake, Courtesy of the artist and Galerie Barbara Thumm, Berlin Art Week, Logo, 2026
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