post-title Cyprien Gaillard | Where Nature Runs Riot | Sprüth Magers Berlin | 02.05.-16.07.2015

Cyprien Gaillard | Where Nature Runs Riot | Sprüth Magers Berlin | 02.05.-16.07.2015

Cyprien Gaillard | Where Nature Runs Riot | Sprüth Magers Berlin | 02.05.-16.07.2015

Cyprien Gaillard | Where Nature Runs Riot | Sprüth Magers Berlin | 02.05.-16.07.2015

bis 16.07. | #0055ARTatBerlin | Cyprien Gaillards neuer Film Nightlife (2015) steht im Zentrum seiner Ausstellung „Where Nature Runs Riot“ vom 2. Mai bis 16. Juli 2015 bei Sprüth Magers Berlin. Nightlife entstand über die letzten zwei Jahre in Cleveland, Los Angeles und Berlin und wurde ausschließlich bei Nacht gedreht.

Der Film beginnt mit einer Einstellung auf ein metallisch schimmerndes, voluminöses Objekt, welches aus einem dunklen Hintergrund durch das Licht der Projektion erwächst. Die Kamera beginnt die grünlich patinierte Bronze zu umrunden.
Langsam rückt eine Ikone der Bildhauerei des 20. Jahrhunderts ins Bild: Der Denker von Auguste Rodin. Dieser Abguss ist einer der wenigen, die unter Rodins Aufsicht gefertigt wurden – er steht vor dem Cleveland Museum of Art. 1970 fiel sie einem Sprengstoffanschlag zum Opfer, der den Sockel zerstörte und die Skulptur umstürzte. Dieser Akt wird der antiimperialistischen Organisation Weather Underground zugeschrieben und war einer der vielen, über das gesamte Staatsgebiet der USA verteilten Angriffe der Gruppe im öffentlichen Raum. Das Museum entschied, das Werk unverändert, in seinem beschädigten Zustand, wieder aufzustellen.

Indem die Kamera die Skulptur langsam umkreist und vom Sockel aufsteigend jedes Detail registriert, scheint sie eine neue, virtuelle Gussform des Werks zu schaffen. So formt Gaillard den Denker als Projektion nach, er schafft eine virtuelle Skulptur aus Licht, indem er die plastische Textur des 3D-Films nutzt.

Diese Dreidimensionalität wird zudem durch die Tonspur von Nightlife reflektiert. Gaillard hat ein neun-sekündiges Sample von Alton Ellis‘ Rocksteady-Klassiker „Blackman’s Word“ als Grundlage für den Soundtrack verwandt. Der Song erschien zuerst 1969 auf dem Label Treasure Isle. Der Refrain lautet „I was born a loser“. 1971 wurde das Stück für das rivalisierende Coxson-Label erneut aufgenommen. Der Titel wurde in „Black Man’s Pride“ und die Refrain-Zeile in „I was born a winner“ geändert. Gaillard hat beide Samples neu abgemischt, und zwar so, dass die Musik eine räumliche, fast skulpturale Dimension annimmt. Mit dieser Geste schließt er an die radikale Geschichte des Musikgenres an. In den frühen 1970er Jahren wurden viele Reggae- und Rocksteady-Stücke unter Einsatz von Filtern und einfachen Effekten wie Hall und Delay neu gemischt, was die nunmehr neuen Stücke, wie ein alles erfassendes Echo wirken ließ.

Dieses „Dub“ genannte Verfahren entzog sich den Klanggewohnheiten dieser Zeit und schuf einen metaphorischen Raum für Umwälzung und Freiheit. Nightlife rekonfiguriert die zwei zeitbasierten Medien Musik und Film zu einer Skulptur und schafft eine physisch erfahrbare Illusion im Raum. Es gibt jedoch einen wichtigen Unterschied zwischen Ton- und Bildebene: Dub- Effekte können mit analogen Geräten erzielt werden, der Film hingegen wurde unter Einsatz digitaler Spitzentechnologie hergestellt. Nightlife ist von einem vielschichtigen Anachronismus durchzogen: Das „Low Fidelity“ der Tonspur wird zum Gegenmoment der „Hightech“ Visualität des Films.

Die nächste Einstellung zeigt Bäume, die sich im Wind wiegen, als bewegten sie sich zur Musik des Films. Die „Hollywood Juniper“ genannte Baumart ist in dem Werk von Gaillard ein durchgängiges Motiv und taucht bereits in der Serie Geographical Analogies (2005 – 2011) auf, für die er jeweils neun Polaroid-Fotografien von unterschiedlichen, signifikanten
Landschaften und urbanen Lebensräumen in Bezug zueinander gestellt hat. Jener Baum stammt ursprünglich aus Ost-Asien und keineswegs aus Hollywood. Er ist ein Immigrant, der mit seinen ausdrucksstarken Ästen den Namen eines Ortes angenommen hat, an dem er ein Fremder ist. Ähnlich verhält es sich mit dem faktischen Wahrzeichen von Los Angeles, der
Palme. Auch sie stellt eine Verpflanzung dar, die heutzutage als Wasser verschwendende Plage gilt, angesichts akuter Dürreprobleme der Stadt, die nicht zuletzt von der großen Anzahl nicht-einheimischer Bäume verursacht werden. Im Verlauf des Films sehen wir verschiedene Pflanzen und Bäume vor urbanem Hintergrund, aufgenommen in Bewegungen wogender
Trance und Ekstase. Nightlife erscheint wie ein surrealer Aufstand städtischer Botanik.

Der Schauplatz ändert sich erneut und wechselt zu einem Außenbezirk von Berlin. Die Kamera erhebt sich aus einem dunklen Wäldchen in den Nachthimmel, ein Feuerwerk explodiert über dem 1936 erbauten Olympia-Stadion. Die Pyronale, ein internationales Feuerwerk-Spektakel, findet jedes Jahr an dieser Stätte faschistischer Architektur statt. Die Kamera steigt hinauf in den Luftraum des Feuerwerks, durch seine Lichtstrahlen und an Tentakel erinnernde Rauchfahnen hindurch  – Formen, die wie ein geisterhaftes Echo der zuvor gesehenen Bäume wirken. In seiner Coda kehrt der Film nach Cleveland zurück. Ein riesiger Baum – seine nackten Äste sind zunächst kaum zu erkennen – wird von hinten angestrahlt, vom Suchlicht eines Helikopters, das beharrlich den Himmel abtastet. Diese deutsche Eiche ist ein besonderer, mit Bedeutung aufgeladener Baum: Während der Olympischen Spiele 1936 überreichte das Deutsche Olympische Komitee jedem Goldmedaillengewinner einen Eichensetzling. Der Amerikaner Jesse Owens gewann viermal Gold, eine Verhöhnung der rassistischen Nazi-Ideologie. Einen seiner vier Setzlinge pflanzte Owens in der Rhodes High School, wo er für die Olympiade trainierte. Dort steht die Eiche bis zum heutigen Tag. Sie ist die einzige, die überlebt haben soll.
Als Eingangsmotiv zu Nightlife ist im Gartensaal die Skulptur Ammonite Dub (2015) zu sehen. In der Mitte eines versteinerten Ammoniten, der in zwei Hälften geschnitten wurde, um seine inneren Muster und Strukturen sichtbar zu machen, hat der Künstler eine Plattenspielernadel platziert. Die Skulptur ist eingefasst von zwei Spiegeln, so dass sich die Illusion eines sich bis in die Unendlichkeit zurückziehenden Raumes ergibt.
Im ersten Stock der Galerie befindet sich eine Skulptur, die aus jenen zwei Single-Schallplatten besteht, die der Künstler für die Tonspur von Nightlife verwendet hat. Die Arbeit trägt den Titel Reid/Coxsone (gold connectors) (2015). In der Mitte beider Platten wurde der herkömmliche sternförmige Mittelloch-Adapter aus Plastik durch zwei in vergoldete Bronze gegossene Exemplare ersetzt. Die dreigeteilte Form dieser Stern-Adapter hat den Künstler an die Triskele erinnert, ein Symbol, das in einer Vielzahl alter Kulturen vorkommt. Das Zusammenführen kontrastierender Elemente – Weltliches mit Esoterischem, Zeitmaße der Geologie mit den Unwägbarkeiten der Geschichte – ist eine typische Vorgehensweise des Künstlers. Sie findet ihren Ausdruck auch in einer neuen Serie doppelbelichteter Polaroids mit dem Titel Sober City (2015). Das verbindende Motiv auf jedem dieser Polaroids ist ein Amethyst aus dem Naturkundemuseum in New York. Gaillard belichtet die empfindliche Polaroid-Filmschicht einmal mit dem Motiv dieser kristallinen Form, und wiederholt dann den
Belichtungsvorgang mit Stadtansichten. Auf diese Weise wird städtische Landschaft kristallisiert, und verschiedene Orte der Menschheitsgeschichte verdichten sich in einem einzelnen Objekt.

Cyprien Gaillard, geboren in Paris, lebt und arbeitet in Berlin und New York. Seine Arbeiten waren in Einzelausstellungen großer Institutionen zu sehen, darunter das MoMA PS1 (New York), das Hammer Museum (Los Angeles), die KW Institute
for Contemporary Art Kunst-Werke Berlin e.V. (Berlin), im Centre Pompidou (Paris) und der Kunsthalle Basel.
Sprüth Magers Berlin zeigt zeitgleich die Einzelausstellung The Symmetry Argument von Marcel van Eeden.

Für die großzügige Unterstützung bei der Produktion von Nightlife durch Relativity Media bedankt sich der Künstler bei Jason Beckman, Tucker Tooley, Ken Halsband, David Stump, ASC und Jay Spencer. Besonderer Dank gilt Tom Poole von Company 3 sowie Namit Malhotra und dem gesamten Stereo-Konvertierung-Team bei Prime Focus.

Vernissage: Freitag, 01.05.2015

Ausstellungsdaten: Samstag, 02.05. – Samstag, 16.07.2015

Zu Sprüth Magers Berlin

 

Bildunterschrift: Cyprien Gaillard, Nightlife, 2015m 3D motion picture, DCI DCPm 14:28 minm installation view, Cyprien Gaillard: „Where Nature Runs Riot“, Sprüth Magers Berlin, May 2 – July 16, 2015

Cyprien Gaillard – Sprüth Magers Berlin – Kunst in Berlin ART@Berlin

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