bis 30.05. | #5054ARTatBerlin | Die Galerie Kristin Hjellegjerde in Berlin zeigt ab Samstag, 2. Mai 2026 (Vernissage 01.05) die Ausstellung Annam des Künstlers Tuan Vu.
Zwei Frauen sitzen am Ufer eines mit Seerosenblättern bedeckten Teiches und spielen Sitar. Hinter ihnen schwebt eine himmlische Gestalt, getaucht in goldenes Licht – vielleicht die Wächterin des Gartens, in dem sie sich befinden, oder eine Verkörperung der Musik selbst. Annam, die Einzelausstellung des vietnamesischen Künstlers Tuan Vu, entführt uns in kunstvoll komponierte Szenen voller intensiver Farben, üppiger Pflanzen und edler Stoffe. Sie wirken zugleich wie paradiesische Traumlandschaften und wie eine Hommage an die Kultur, die der Künstler hinter sich ließ, als er nach Québec auswanderte.
Der Titel der Ausstellung verweist auf den historischen Namen Vietnams während der chinesischen und französischen Kolonialzeit. Obwohl dieser Begriff mit einer komplexen und schmerzhaften Geschichte verbunden ist, vermittelt er für den Künstler zugleich „ein Gefühl von Erinnerung und Distanz“ – und verweist damit auf den vielschichtigen Akt des Erinnerns selbst. Der Titel des Gemäldes Tranquil South geht auf die Übersetzung des Begriffs „Annam“ zurück, dessen wörtliche Bedeutung „befriedeter Süden“ lautet. Das Bild zeigt eine Frau, die am Flussufer sitzt und sich mit einem bunten Sonnenschirm vor der Sonne schützt. Der Titel verweist, halb ironisch, auf Vus Bewusstsein für die eigene Unfähigkeit, sich zu den Kämpfen jener Zeit wirklich in Beziehung zu setzen, zugleich aber auch auf seine fortwährende Suche nach Harmonie und Schönheit im künstlerischen Schaffen. Während Landschaften und Figuren in seinem Werk stark von seinem Heimatland inspiriert sind, erinnert der emotionale und nicht-naturalistische Umgang mit Farbe an die Pariser Künstlergruppe Les Nabis. Warme Gelb- und Rosatöne, durchsetzt mit leuchtenden Akzenten, entführen uns hier – wie auch in anderen Werken – in eine magische Welt fernab der Realität.
Das Gemälde A Usual Day spielt spielerisch auf diese Diskrepanz an und erinnert uns daran, dass wir einen imaginären Raum betreten, in dem nichts wirklich gewöhnlich oder alltäglich ist. Die Szene zeigt einen Innenraum; durch einen drapierten Vorhang fällt der Blick in einen Garten, in dem eine Frau einen Blumentopf gießt. Die Komposition ist so sorgfältig aufgebaut, dass unser Blick langsam durch den Raum geführt wird. Bewundernd gleiten wir an gemalten Vasen und einem schwarzen Panther – für Vu ein Symbol der Freiheit – vorbei in den Garten und schließlich hinauf zum Himmel. Dort erkennen wir die zarten Umrisse eines gewölbten Glasdachs und beginnen, uns die warme Luft und die duftenden Aromen des Gartens vorzustellen.
Neben Vus typischen Landschaftsdarstellungen sind in dieser Ausstellung auch mehrere Porträts zu sehen. In ihnen verweisen die surrealen Hintergründe auf unterschiedliche Erzählungen und auf das Gefühl einer sich entfaltenden Vergangenheit. The Official Portrait zeigt beispielsweise eine Königin, die in einem kunstvoll gefertigten Áo Dài – der vietnamesischen Nationaltracht – sitzt. Hinter ihr erscheinen verschiedene Figuren: eine westliche Königin mit Zepter, Buddha sowie eine Odaliske. Letztere verweist direkt auf den vietnamesischen Maler Mai Trung Thu, der wiederum von Ingres inspiriert wurde. Diese Kette von Referenzen spiegelt das kulturelle Geflecht wider, das Vus Werk prägt, in dem vietnamesische und europäische Kunsttraditionen innerhalb desselben Bildraums aufeinandertreffen.
Anstatt diese Geschichten eindeutig aufzulösen, lässt Vu sie bewusst nebeneinander bestehen. Wie Erinnerungen überlagern sie sich und gleiten durch seine Kompositionen – ein Hinweis darauf, dass Identität, ähnlich wie die Landschaften, die er malt, aus der Distanz immer wieder neu erdacht wird. So wird die Ausstellung weniger zu einer Rekonstruktion einer bestimmten Zeit oder eines Ortes als vielmehr zu einer poetischen Meditation über den fragilen und imaginativen Prozess des Erinnerns.
Vernissage: Freitag, 1. Mai 2026, 18 – 21 Uhr
Ausstellungsdaten: Samstag, 2. Mai – Samstag, 25. April 2026
Bildunterschrift: Tuan Vu | The Official Portrait, 2026 | Ölpastell und Öl auf Leinwand | 185 x 155 cm
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