bis 20.06. | #5010ARTatBerlin | Luisa Catucci Contemporary zeigt ab Freitag, 1. Mai 2026 (Vernissage: 30.04.) die Ausstellung Dystopic Cartography des Künstlers Pablo Griss.
Es gibt Karten, die dir sagen, wo du bist.
Und dann gibt es Karten, die sich höflich weigern.
Pablo Griss zeichnet die zweite Art.
Dystopic Cartography ist die neueste Werkserie des venezolanischen Künstlers Pablo Griss, entwickelt in den letzten drei Jahren – das Ergebnis eines langen Prozesses der Reflexion, der Neuorientierung und, vielleicht, eines notwendigen Ungehorsams.
Griss war einst bekannt für eine nahezu obsessive Kontrolle. Seine früheren Arbeiten funktionierten mit der Präzision fein kalibrierter Instrumente: Kompositionen, inspiriert von energetischen und magnetischen Feldern, tief verwurzelt in der venezolanischen Tradition der Op Art. In diesem Universum verhielt sich Farbe. Sie hatte eine Funktion. Sie diente dem optischen Effekt, der visuellen Vibration, der exakten Logik der Wahrnehmung. Alles war bemessen, intentional, geschlossen.
Und dann hat sich etwas verschoben.
Diese neue Serie verlässt diese Vergangenheit nicht – sie stört sie. Man erkennt noch immer dieselbe Hand in der Disziplin bestimmter Linien, in den strukturellen Gerüsten, die die Kompositionen wie architektonische Skelette tragen. Doch diese Strukturen stehen unter Druck. Das System ist nicht länger hermetisch.
Die Farbe gehorcht nicht mehr.
Sie kollidiert, blutet aus, unterbricht. Pinselstriche beschleunigen, zögern, schlagen aus. Pigment tropft, wo es früher korrigiert worden wäre. Was einst kontrolliert war, flirtet nun mit Exzess. Was einst aufgelöst war, verbleibt in Spannung. Es zeigt sich – unübersehbar – eine
Freisetzung, etwas, das näher an Dringlichkeit liegt, vielleicht sogar an Wut. Nicht Chaos um seiner selbst willen, sondern eine Kraft, die darauf besteht, ins Bild einzudringen.
Seine Gemälde beginnen wie wohlerzogene Städte: Raster, Bänder, chromatische Architekturen, die Orientierung, Richtung, vielleicht sogar ein Gefühl von Gewissheit versprechen. Doch Vorsicht. Irgendetwas geht immer schief – auf wunderbare, unvermeidliche Weise. Ein Strich rebelliert. Eine Farbe entzieht sich. Die Geometrie, dieser alte Kontrollfreak, beginnt zu schwitzen.
Was man hier sieht, ist kein System. Es ist ein System, das versucht, sich zusammenzuhalten, während das Universum leise darüber lächelt.
Griss inszeniert einen langsamen Zerfall von Ordnung. Keine Katastrophe mit Sirenen und Schlagzeilen, sondern eine intime Auflösung: Struktur, die von innen erodiert, Logik, die von Impuls unterbrochen wird, Klarheit, die durch Empfindung verkompliziert wird. Seine Kompositionen beginnen wie Argumente – und enden wie Gespräche um drei Uhr morgens.
Farbe ist hier nicht dekorativ. Sie ist nicht höflich. Sie sitzt nicht still auf ihrem zugewiesenen Platz. Sie dehnt sich aus, zieht sich zurück, verführt, widerspricht. Sie verhält sich wie Wetter – wechselhaft, relational, unmöglich zu isolieren. Irgendwo im Hintergrund nickt Josef Albers zustimmend: Farbe existiert nie allein; sie entsteht immer in Beziehung.
Und doch – trotz Raster und Bändern – atmen diese Bilder. Sie pulsieren. Sie wirken weniger konstruiert als gewachsen – wie seltsame Ökosysteme oder Landschaften nach dem Ende der Gewissheit. Man glaubt, Ruinen zu erkennen, Horizonte oder die Nachbilder von etwas Körperlichem, etwas beinahe Erinnerbarem. Echos tauchen auf und verschwinden wieder: eine Spur, die aus dem Atelier von Francis Bacon entlaufen sein könnte, ein Schleier, der Gerhard Richter an einem abgelenkten Nachmittag entglitten ist.
Doch das sind keine Zitate. Es sind Heimsuchungen.
In den Brüchen erscheint etwas anderes – etwas, das sich der Benennung entzieht. Eine Präsenz ohne klares Gesicht. Ein Territorium ohne Koordinaten. Philosophen würden hier vielleicht an Immanuel Kant und sein hartnäckiges „Ding an sich“ denken – jenen unerreichbaren Kern der Realität, der sich der Wahrnehmung entzieht. Griss illustriert ihn nicht. Er umkreist ihn. Er streift ihn. Er lässt ihn in den Rissen aufscheinen, dort, wo Ordnung versagt.
Denn dies ist die stille Wahrheit von Dystopic Cartography: Die Welt lässt sich nicht vollständig kartografieren. Weder durch Linien noch durch Farbe, nicht einmal durch den hartnäckigen menschlichen Wunsch, alles zu ordnen.
Und dennoch – wir versuchen es.
Wir bauen Strukturen. Wir setzen Rhythmen. Wir ziehen Grenzen an Stellen, an denen längst alles ineinander übergeht. Griss würdigt diesen Versuch und zerlegt ihn zugleich. Seine Gemälde sind Akte von Konstruktion und Sabotage, Disziplin und Loslassen. Sie bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen geometrischer Abstraktion und abstraktem Expressionismus, in dem sich Kontrolle und Chaos nicht aufheben, sondern miteinander tanzen.
Die Oberfläche erzählt die Geschichte. Schichten lagern sich ab wie Entscheidungen, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Lasuren, Impastos, Verwischungen, Korrekturen – nichts wird verborgen, nichts ausgelöscht. Jede Spur trägt Zeit, Druck, Zögern, Beharren in sich. Das Bild erinnert sich an alles. Es verweigert die Illusion von Perfektion und entscheidet sich für die weitaus spannendere Realität des Prozesses.
Das ist Malerei als Widerstand. Gegen Glätte. Gegen Gewissheit. Gegen einfache Bedeutung.
Und so lösen sich diese Arbeiten nicht auf. Sie verharren. Sie vibrieren. Sie bleiben bewusst unvollendet in ihrem Versuch, etwas zu fassen, das sich immer entzieht.
Eine Karte also –die nicht zu einem Ziel führt, sondern an den Rand des Verstehens, wo die Dinge gerade weit genug auseinanderfallen, um sichtbar zu werden.
Vernissage: Donnerstag, 30. April 2026, 18:00–21:00 Uhr
Ausstellungsdaten: Freitag, 1. Mai bis Samstag, 20. Juni 2026
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Bildunterschrift Titel: Courtesy of Luisa Catucci Contemporary
Ausstellung Pablo Griss – Luisa Catucci Contemporary | Zeitgenössische Kunst Berlin – Contemporary Art – Ausstellungen Berlin Galerien | ART at Berlin
