post-title Isabelle Graw | The Vitalist Economy of Painting | Galerie Neu | 15.09.-07.11.2018

Isabelle Graw | The Vitalist Economy of Painting | Galerie Neu | 15.09.-07.11.2018

Isabelle Graw | The Vitalist Economy of Painting | Galerie Neu | 15.09.-07.11.2018

Isabelle Graw | The Vitalist Economy of Painting | Galerie Neu | 15.09.-07.11.2018

bis 07.11. | #2219ARTatBerlin | Galerie Neu zeigt seit 15. September 2018 die Ausstellung The Vitalist Economy of Painting kuratiert von Isabelle Graw – an den Ausstellungsorten Linienstraße und Mehringdamm.

Mit The Vitalist Economy of Painting habe ich auf Einladung der Galerie Neu zum ersten Mal eine Ausstellung kuratiert. An zwei Ausstellungsorten parallel präsentiert, schlägt diese Ausstellung ein weiteres Kapitel meines Buches (Graw, I. (2017): Die Liebe zur Malerei. Genealogie einer Sonderstellung, Zürich/Berlin Diaphanes.) auf. Dessen zentrale These lautet, dass Malerei bis heute als ‘lebendig’ erfahren wird und dass dies ihrer Wertform zugutekommt.

Indem nun Werke in den Vordergrund rücken, deren Spektrum von Frank Stella zu Georgie Nettell reicht, wird diese These weiterentwickelt, verkompliziert und historisch vertieft. Das vitalistische Potenzial der Malerei – etwa die Suggestion eines unabhängigen Eigenlebens – zeigt sich in den ausgestellten Arbeiten auf vielfältige Weise, so etwa in den Bildern von Charline von Heyl, Valentina Liernur, Eric N. Mack, Christopher Wool und Amy Sillman.

Mit dem Begriff ‘vitalistisch‘ wird auf die lange Geschichte der Lebensphilosophien von Aristoteles bis hin zu Henri Bergson angespielt, die trotz ihrer Unterschiede von einer autonomen Bewegung der Natur in den Dingen selbst ausgingen. Speziell Gemälde wurden häufig, etwa von Bergson, als Beleg für die Existenz eines eigenständigen Lebensprozesses oder Lebensschwungs („élan vital“) angesehen, da ihre Formensprache einmalig und nicht imitierbar sei.

Auch zahlreiche Arbeiten dieser Ausstellung suggerieren, dass sie ‘leben’, ‘sprechen’ oder/und mit Lebenswirklichkeit und künstlerischer Arbeit unmittelbar angereichert wären (so etwa bei Merlin Carpenter, Sarah Morris, Torey Thornton, Albert Oehlen, Avery Singer, Birgit Megerle, Jana Euler und Jeanette Mundt). Entscheidend ist jedoch für mich, dass derartige vitalistische Suggestionen von den Werken nicht nur angestoßen, sondern zugleich auch unterlaufen, zurückgenommen oder ad absurdum geführt werden.

ART at Berlin – Galerie Neu – Isabelle Graw
Künstler/Titel: Josephine Pryde, Autorenfoto: Exhibition Copy (B), 2018
Courtesy: The artist and Galerie Neu, Berlin

Das vitalistische Potenzial von malerischen und nicht malerischen Arbeiten äußert sich in dieser Ausstellung auch darin, dass die Werke den Eindruck einer Gegenwart von künstlerischer Arbeit erzeugen: Sei es, dass sie (wie in den Arbeiten von Eliza Douglas oder KAYA) ostentativ Arbeitsspuren auf ihrer Oberfläche aufweisen, oder sei es, dass sie inmitten eines mechanischen Verfahrens ihren Autor ins Spiel bringen (wie bei Wade Guyton, Alex Israel oder Rosemarie Trockel). Nur: In demselben Maße, wie zahlreiche Werke dieser Ausstellung unmittelbar mit künstlerischer Arbeit angereichert zu sein scheinen, mystifizieren sie auch den Arbeitsprozess. Gerade die vitalistischen Signale der Kunst verhindern, dass wir die für sie aufgewendete Arbeit wahrnehmen können. Ihr Wert scheint Substanz zu haben und doch wissen wir nichts über das Zustandekommen dieses Wertes.

Es sollte deutlich geworden sein, dass ‘vitalistisch’ für mich keine positive Eigenschaft, sondern eine kritische Kategorie darstellt. Mit dieser Ausstellung möchte ich allerdings demonstrieren, dass vitalistische Annahmen, etwa über die Lebendigkeit oder Selbsttätigkeit eines Bildes, nicht vom Himmel fallen: sie gehen vielmehr auf materielle Aufhänger zurück, die genauer in den Blick genommen werden.

Das Problem an vitalistischen Szenarien besteht für mich jedoch darin, dass sie den Einfluss von externen sozialen oder ökonomischen Faktoren grundlegend verkennen. Sie behaupten eine unabhängige Entwicklung dort (in einer kapitalistischen Ökonomie), wo in Wahrheit verstärkt Anpassungszwänge, Konformitätsdruck und Unterordnung unter gesellschaftliche Mächte regieren. In einer solchen Situation erweist sich das vitalistische Ideal einer selbstständig-unabhängigen Entfaltung als bloße Wunschvorstellung, die entsprechend über enorme Anziehungskraft verfügt.

Der prominente Verweis auf die „Economy“ (Ökonomie) im Titel der Ausstellung bedeutet jedoch nicht, dass Kunstwerke hier ökonomistisch nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet würden. Der Begriff „Economy“ postuliert vielmehr, dass sich nicht nur die Kunstwelt insgesamt, sondern auch das Feld der Malerei durch eine spezifische Ökonomie auch im ursprünglichen Wortsinn eines „Haushalts“ auszeichnet. Und zu diesem Haushalt der Malerei gehören u.a. bestimmte Produzent*innen, Produkte, Formensprachen und Rezipient*innen, die in ihrem jeweiligen Zusammenspiel – so die These dieser Ausstellung – vitalistische Projektionen anstoßen und generieren.

Mit Projektion ist allerdings keine Illusion, sondern eine materiell veranlasste und oft absichtlich von den Künstler*innen getriggerte Form der projektiven Wahrnehmung gemeint, die diese Ausstellung genauer analysiert. Es bedarf für sie grundsätzlich einer projektionswilligen Betrachter*in, die in einigen der ausgestellten Arbeiten (etwa in den Bildern von Jutta Koether, Josephine Pryde oder Avery Singer) unmittelbar aufscheint.

Die Ausstellung setzt einen erweiterten Begriff von Malerei voraus, indem sie mit den Arbeiten von Josephine Pryde, Ken Okiishi, Annette Kelm, Heimo Zobernig, KAYA, Frank Stella und René Magritte demonstriert, dass malerische Codes auch in nicht-malerischen Formaten wie Film, Skulptur oder Fotografie arbeiten.

Zur Auswahl der teilnehmenden Künstler*innen sei zuletzt noch gesagt, dass sie sich sowohl meiner jahrzehntelangen kritischen Auseinandersetzung mit ihren Werken als auch den kontroversen Diskussionen mit ihnen verdankt. Gelebte Kunstgeschichte sozusagen. Zahlreiche Arbeiten sind entsprechend auch im Dialog mit mir von den Künstler*innen eigens für diese Ausstellung produziert worden.

Wichtig war mir zudem, dass die Einsichten der historischen Konzeptkunst – angefangen vom Kunstwerk als einer linguistischen Proposition bis hin zur Anerkennung seiner Warenform – in den ausgestellten Arbeiten mitschwingen. Die Attraktion der ausgewählten Arbeiten bestand für mich auch darin, dass sie sich meinen übergeordneten Ideen und Klassifikationen konsequent entziehen und in möglichen Erklärungen nicht aufgehen. Eben weil sie sich letztlich nicht auf vitalistische Szenarien reduzieren lassen, stellte ihre Einbindung in die Programmatik dieser Ausstellung für mich eine produktive Herausforderung dar.

Isabelle Graw

Zur Ausstellung erscheint eine Broschüre mit Texten über die einzelnen Arbeiten in ihren jeweiligen Gruppierungen. Die Ausstellung ist vom 15. September 2018 bis 07. November 2018 in der Galerie Neu (Linienstrasse 119abc und Mehringdamm 72) zu sehen.

Vernissage: Samstag, 15. September 2018, 18:00 bis 21:00 Uhr

Ausstellungsdauer: Samstag, 15. September – Mittwoch, 7. November 2018

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Bildunterschrift: Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin | Künstler/Titel: Josephine Pryde, Autorenfoto: Exhibition Copy (B), 2018

Ausstellung Isabelle Graw – Galerie Neu | Zeitgenössische Kunst in Berlin | Contemporary Art | Ausstellungen Berlin Galerien | ART at Berlin

 

 

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