post-title Eric Baudelaire | A Form that Accommodates the Mess | Barbara Wien | 10.12.–18.02.2017

Eric Baudelaire | A Form that Accommodates the Mess | Barbara Wien | 10.12.–18.02.2017

Eric Baudelaire | A Form that Accommodates the Mess | Barbara Wien | 10.12.–18.02.2017

Eric Baudelaire | A Form that Accommodates the Mess | Barbara Wien | 10.12.–18.02.2017

bis 18.02. | #0958ARTatBerlin | Die Galerie Barbara Wien zeigt ab dem 10. Dezember 2016 die Ausstellung „A Form that Accommodates the Mess“ des Künstlers Eric Baudelaire.

Eric Baudelaire ist Künstler und Filmemacher. In seiner ersten Ausstellung in der Galerie Barbara Wien
wird er keine Filme zeigen und auch keine Arbeiten, die seine Filme dokumentieren – er stellt in A Form
that Accomodates the Mess Konzepte vor, die er in anderen Medien realisiert hat.

Baudelaire ist als Künstler Autodidakt. Nachdem er Politikwissenschaften und Soziologie studiert hatte,
fand er in der Kunst eine Disziplin, in der Ungewissheit, Zweifel, und sogar Humor zu den Möglichkeiten
zählen über die Welt nachzudenken. Er lehnt sich damit an Samuel Beckett an, der die Aufgabe des
Künstlers darin sah, eine Form zu finden, in der die Unordnung enthalten ist. Die meisten der sechs
gezeigten Projekte hätten auch Ausgangspunkt für neue Filme sein können, aber sie haben ökonomischere
und passendere Formen gefunden in Photographien, in Briefen etc..

Site displacement / Déplacement de site ist solch ein Projekt. 2006 wurde Baudelaire von der französischen
Stadt Clermont-Ferrand beauftragt eine Serie von Photographien zum Thema „Territorium“ zu machen.
Nachdem er Landschaften in und um die Stadt photographiert hatte, beauftragte er den indischen
Künstler Anay Mann, seine Bildausschnitte in Indien zu wiederholen. Clermont-Ferrand war ein bekannter
Standort der Reifenfirma Michelin, mittlerweile hatte aber Michelin Produktionsstellen in Indien eröffnet,
was zu einer Deindustrialisation der Gegend um Clermont-Ferrand führte. Dieser Auslagerungsprozess
wiederholt sich in gewisser Weise in Baudelaires Konzept: er, der beauftragte Künstler, übertrug einem
anderen Künstler die Realisierung eines Zwillingsprojektes in Indien. Das Ergebnis zeigt er in der Galerie
in Form von zwei Diaprojektionen in einer Art gespiegeltem Nebeneinander. Man kann das Konzept von
Site Displacement auch als eine Referenz an den japanischen Filmemacher Masao Adachi und dessen
“landscape theory’’ (fukeiron im Japanischen) lesen. Um politische Strukturen aufzudecken, folgt Adachi
dieser Theorie, die davon ausgeht, dass die Kamera gedreht wird, sich der Umgebung zuwendet und nicht
der Person, von der der Film handelt. Baudelaire hat mit dem japanischen Regisseur zusammengearbeitet
und über dessen Theorie in früheren Filmen nachgedacht. Für seinen neuesten Film Also Known as Jihadi
benutzt er ausschließlich die „landscape theory“ von Adachi. Baudelaire filmt darin die Landschaften, die
ein Mann bei seiner Reise von Frankreich nach Syrien und zurück durchquert hat. Er ist zur Zeit wegen
seiner Teilnahme an terroristischen Aktionen im Namen des Jihad in Frankreich im Gefängnis.
Der Film Also Known as Jihadi wird zum ersten mal im Januar 2017 im Witte de With in Rotterdam gezeigt
werden. Dieser und andere Filme von Baudelaire werden in der Galerie Barbara Wien am 10. Februar
2017 ab 18 Uhr in einem Gespräch zwischen Baudelaire, Anselm Franke und Dennis Lim diskutiert.

In Chanson d’Automne (2009) arbeitet Baudelaire mit Zeitverschiebung. Er sammelte verschiedene Artikel
des Wall Street Journal vom September 2008, die unter reißerischen Überschriften die Finanzkrise
kommentierten. In den Artikeln kreist Baudelaire die Wörter ein, die die ersten Verse von Paul Verlaine’s
Gedicht Chanson d’Automne (1866) bilden. Dieses Gedicht war der Code, der von der BBC gesendet
wurde, um der französischen Resistance die Invasion in der Normandie am Ende des Zweiten Weltkrieges
anzukündigen. Chanson d’Automne (2009) ist ein poetisches, fast spöttisches Gegen-den-Strich-Lesen der
Wirtschaftszeitung, die auch die Frage nach einem möglichen Widerstand gegen die Schreckensszenarien
der Finanzkrise von 2008 aufwirft.

In Ante Memorial (2011 – 2016) beschäftigt sich Baudelaire erneut mit der Zeit – allerdings mit einer
fiktiven Zeit. Er begann 2011 in einem Brief an Margaret Thatcher mit der Bitte, ihm den Inhalt der letters
of last resort mitzuteilen. Unter diesem Begriff versteht man vier, von jedem Premierminister von
Großbritannien handgeschriebene Briefe, die Anweisungen dazu enthalten, was unternommen werden
soll, wenn London bei einem Atomangriff zerstört würde. Diese Briefe werden in safes von atomar
ausgerüsteten U-Booten aufbewahrt. Sie werden ungeöffnet zerstört, sobald ein Premierminister seinen
Posten aufgibt. Baudelaire schlägt nun in Ante Memorial ein Denkmal für eine hypothetische Zukunft mit
diesen Briefen vor. Er errichtet ein papierenes Denkmal, das einem Ereignis gewidmet ist, das nicht (oder
noch nicht) geschehen ist und das mit den wechselnden Premierministern und deren Antworten auf
Baudelaires Briefe und Fragen wächst. Die letzte Antwort, die Baudelaire erhielt, war ein Brief des House
of Commons, datiert auf den 5. September 2016. Im Auftrag von David Cameron schrieb das Office an
Baudelaire, dass dieser Inhalt der Briefe geheim bleibt. Der Brief endet mit dem Satz „After all, if you wish
another to keep your secret, first keep it yourself“.

Viele Arbeiten von Baudelaire gehen von Zeit und Zeitverschiebung aus und haben einen offenen Ausgang,
sie entwickeln sich mit der Zeit, ähnlich wie das Filliouesque Stück Ante Memorial. Everything is Political II
(2016), eine andere Arbeit, die Baudelaire zeigt, ist unter diesem Gesichtspunkt ein ironischer
Kommentar zu fast allen anderen Arbeiten der Ausstellung. Baudelaire hat in dem Stück über 40 Bücher
gesammelt, die den Titel Unfinished Buisness tragen. Die Bücher bilden eine performative Skulptur im
wörtlichen Sinn, denn sie wird nicht beendet sein bevor Autoren nicht aufhören, diesen Titel zu
verwenden. Außerdem bietet Everything is Political II die Möglichkeit einer Aktion: Baudelaire hat in
manchen Ausstellungen die Besucher aufgefordert die jeweils letzten Sätze der Unfinished Buisiness-Bücher
aus der immer weiter wachsenden Skulptur vorzulesen.

Some Tomorrows begann 2005 und ist ebenfalls ein Werk, das sich mit der Zeit und Zeitverschiebung
beschäftigt. Some Tomorrows besteht aus Fragmenten der Zeitschrift Le Monde. Die Tageszeitung wird
mittags mit dem Datum des nächsten Tages veröffentlicht. Als Beispiel: in unserer Ausstellung werden die
Ausgaben benützt, die am 5. August 2015 und am 12. November 2015 erschienen sind – sie beschäftigen
sich jeweils mit dem 6. August (dem Gedenktag der Bombardierung von Hiroshima) und dem 13.
November (dem Tag der Terroranschläge in Paris). Baudelaire hat Bilder aus diesen Zeitungsausgaben
ausgewählt, ausgeschnitten und auf Glas gedruckt – der Kontext ist komprimiert dargestellt im
Hintergrund. Er nimmt die Bilder aus Ihrem Kontext und zeigt die Erzählung der Bilder selbst.
Baudelaire zieht alle gesammelten Dokumente in Zweifel und spricht damit die Unbeständigkeit der
Medien an und dessen was sie vermitteln. Seien es Zeitungen, Filmbilder, die Erzählung der Photographie,
Bücher oder wissenschaftliche Diagramme, er befragt durch seine Art der Verschiebung, der Veränderung
der Anordnungen oder durch Übernahme ihrer Methoden deren autoritäre Wirkungsweisen.

Die Baudelaireschen Übernahmeaktionen sind Teil seiner Kunstkonzepte, aber sie führen uns auch
unweigerlich zu einem Bildvokabular des Begriffs Terrorismus. FRAEMWROK FRMAWREOK
FAMREWROK… (2016) ist eine weitere Sammlung von Dokumenten, die in die Kunst verschoben werden.
Baudelaire benützt hier Diagramme, Zeichnungen, Tabellen und Kurven, mit denen versucht wurde, den
mehrdeutigen und kontrovers diskutieren Begriff Terrorismus zu analysieren, zu dem es keine
allgemeingültige Definition gibt. Aus ihrem Zusammenhang gelöst, ergeben die massenhaft abgebildeten
Dokumente ein fast abstraktes Tapetenmuster. Baudelaire sieht einen ästhetischen Wert in diesem
verwirrenden Rätsel – aber anerkennt auch den Versuch etwas Komplexes, schwer Verständliches zu
verstehen. Er zeigt die Diagramme auch als einen Versuch, der Unordnung eine Form zu geben.

Gauthier Lesturgie

 

Eric Baudelaire, geboren 1973 in Salt-Lake City, USA. Er lebt und arbeitet in Paris. Baudelaire hatte zahlreiche
internationale Ausstellungen. Unter anderem zeigte er Einzelausstellungen im Ludwig Forum, Aachen, Deutschland
(2015), im Fridericianum, Kassel, Deutschland (2014), in der Bergen Kunsthall, Norwegen (2014), im Beirut Art
Centre, Libanon (2013), und im Hammer Museum, Los Angeles, USA (2010). Er nahm an vielen
Gruppenausstellungen teil, u.a.: Biennale de Montréal, Kanada (2016), Sharjah Biennial, Vereinigte Arabische Emirate
(2015), Yokohama Triennal, Japan (2014), 8. Taipei Biennial, Taiwan (2012) und La Triennale, Paris, Frankreich
(2012).
Seine Filme und Installationen sind in internationalen Sammlung zu finden: Museum of Modern Art, New York, USA;
Museo Reina Sofia, Madrid, Spanien; Whitney Museum of American Art, New York, USA und Centre Pompidou,
Paris, Frankreich.
Er hat zahlreiche Preise für seine Filme und Installationen gewonnen, darunter: Sharjah Biennial 12 Prize (2015);
SeMA-HANA Award, Mediacity, Seoul, Südkorea (2014) und Special Jury Prize im DocLisboa Festival, Portugal (2012
und 2014).
Im Januar 2017 wird die Einzelausstellung The Music of Ramón Raquel and his Orchestra im Witte de With, Rotterdam,
eröffnet. Baudelaire’s neuer Film Also Known as Jihadi hat dort Premiere. Der Film wird auch in seiner
Einzelausstellung Après im Centre Pompidou, Paris, im September 2017 gezeigt. Baudelaire wird an der Whitney
Biennial (März bis Juni 2017), New York, teilnehmen.

Vernissage: Freitag, 09. Dezember 2016, 18:00 bis 21:00 Uhr 

Ausstellungsdaten: Freitag, 09. Dezember 2016 bis Samstag, 18. Februar 2017

Künstlergespräch: Freitag, 10. Februar 2017, 18:00 Uhr

Thema ist Baudelaire’s Position zwischen Film und bildender Kunst. Anselm
Franke ist Kritiker und Kurator aus Berlin. Er leitet die Abteilung Bildende Kunst und Film im Haus der Kulturen der
Welt, Berlin. Unter anderem hat er die 8. Taipei Biennial (2012) kuratiert. Dennis Lim ist Schriftsteller und Journalist
aus New York. Er ist der Programmdirektor der Film Society am Lincoln Center und Mitglied in der Jury des New
York Film Festival.

Zu Barbara Wien

 

Bildunterschrift: Eric Baudelaire, Site Displacement / Déplacement de site 2007, Two synchronized slide-projections (2 × 22 images)

Edition of 3, Courtesy: Galerie Barbara Wien, Berlin

Ausstellung Eric Baudelaire – Barbara Wien – Kunst in Berlin ART at Berlin

 

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