bis 27.06. | #5057ARTatBerlin | Barbara Thumm präsentiert ab Samstag, 02. Mai 2026 die Ausstellung der Künstlerin Farkhondeh Shahroudi.
Galerie Barbara Thumm präsentiert „Widerruf“, die erste Einzelausstellung der deutsch-iranischen Künstlerin und Lyrikerin Farkhondeh Shahroudi, in der Galerie. Wie der Titel andeutet, reagiert die Ausstellung auf eine unsichere Zeit, in der alles jederzeit widerrufen werden kann – von Waffenstillständen über soziale Infrastrukturen bis hin zu Menschen- und Völkerrecht. Zugleich eröffnet der Widerruf alter Ideen oder Ideologien Raum für neues Denken.
Shahroudi, die 1962 in Teheran geboren wurde und dort Malerei studierte, beteiligte sich als junge Frau an der Revolution gegen den Schah und floh 1990 mit ihrem Sohn ins deutsche Exil. In Dortmund studierte sie Design und Kunst. In über 30 Jahren entwickelte sie ein komplexes Werk, das sich zunehmend von der Malerei entfernte und sich an den Grenzen von bildender Kunst, Poesie, Theater und Aktivismus bewegt. Ihre Arbeiten umfassen Zeichnungen sowie geflochtene, gewebte, ausgestopfte und bestickte Skulpturen, außerdem Banner, Flaggen, Decken, Installationen, Performances, Prozessionen und Fotografie.
Während Shahroudis Werke und Performances eng mit Formen von Protest, Aktivismus oder Ritual verbunden sind, fokussiert sich „Widerruf“ auf die lyrische, dekonstruierte Grammatik, die ihr Werk seit Jahren durchzieht, sich immer weiter verfeinert und dabei roher, materieller und verletzlicher wird. Alles in Shahroudis Kosmos basiert auf Sprache, Dichtung und Worten. Shahroudi schreibt auf Deutsch und auf Farsi – Deutsch mit der linken Hand, obwohl sie Rechtshänderin ist. Die Texte in Farsi überschreibt sie wieder und wieder, sodass die Schrift zu einem flirrenden, unlesbaren Ornament wird. Stets ist die Sprache unverständlich, fehlerhaft, beschädigt. Für sie ist Sprache in ihrer Kunst immer anwesend, aber „abwesend in ihrer Mitteilung“. Sie versteht Sprache nicht als Bedeutungsträger, sondern als visuelles, akustisches oder skulpturales Material, das losgelöst von traditioneller Symbolik und Bedeutung in den Raum erweitert werden kann.
Das wird auch deutlich in Sprachkette (2025), einem hängenden, schwarzen Geflecht, das aus zusammenbandagierten Buchstaben des Farsi-Alphabets besteht. Die Körper auf Shahroudis Bildern wie auch die Körper im Raum bilden Äste, Wucherungen und Extremitäten, die aufblühen und sprießen – ähnlich wie die riesigen, hängenden Stoffskulpturen Leaves Leaves (2026). Shahroudis Kosmos ist voll von mutierter, verstümmelter, keimender und kompostierender Sprache, voller Sprachkörper, wie die schwarzen, bestickten Torsos von Gebild (2026), die wie plumpe Früchte in einer freistehenden Stahlkonstruktion hängen. Dabei ist für die Künstlerin auch der Prozess entscheidend, wie bei ihren minimalistischen Wand- und Raumarbeiten, für die sie Fahrradschläuche oder Stofffetzen zu monochromem, gerastertem Gewebe verflechtet oder filigrane Vorhänge und Gewänder aus Kunsthaar knüpft.
Ihre minimalistischen Flechtwerke beschäftigen sich mit meditativen Denken, dem innerem Bewusstseinstrom und Methoden des Dichtens und Erzählens – aber auch mit Demokratie: mit einfachen Mitteln und Materialien, die für alle zugänglich sind. Shahroudis Praxis ist von der Auseinandersetzung mit Dekolonialisierung, Migration und Ungleichheit geprägt. Zugleich gelangt sie zu formalen Lösungen, die an die westliche Moderne erinnern – an Surrealismus, Hans Bellmer, Louise Bourgeois, John Cage, Fluxus, Zen, Postminimalismus und Arte Povera. Shahroudis Dichtung ist sowohl vom Sufi-Mystiker Rumi und schiitischem Theater als auch von Paul Celan und Ingeborg Bachmann beeinflusst. Ihre Kunst ist dabei ebenso verankert im Wissen um westliche und östliche Kunstgeschichte wie im prekären, alltäglichen und verwundbaren Dasein.
Farkhondeh Shahroudi ist Preisträgerin des Hannah-Höch-Förderpreises 2022 sowie des Exile Visual Art Award 2023. Zu ihren jüngeren Ausstellungen gehören Force Times Distance, Sonsbeek, Arnheim (2021); Beckmann war nicht hier, Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin (2022); Gestern war ich so müde, dass ich den Tee gegessen habe, Kunstverein Arnsberg (2022); Ich habe Knast, Spittelmarkt, Berlin (2022); sowie Speaking to Ancestors of Weeping Trees, Goethe-Institut New York (2024).
Oliver Koerner von Gustorf
Vernissage: Samstag, 2. Mai 2026, 18:00–21:00 Uhr
Ausstellungsdaten : Samstag, 2. Mai bis Dienstag, 2Juni 2026
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Bildunterschrift Titel: Courtesy of Galerie Barbara Thumm.
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