bis 24.01. | #4873ARTatBerlin | Semjon Contemporary präsentiert ab Freitag, 28. November 2025 (Vernissage: 27.11.) die Ausstellung New Horizons des Künstlers Dirk Rathke.
Der Ausstellungstitel ist kühn und selbstbewusst – sowie riskant.
Dirk Rathkes bisherige Malerei ist längst als ein Signature-Werk bekannt, weil es zugleich Farbe und Form ist. Der Berliner Philosoph Dirk Koppelberg hat diese Werkgruppe in den frühen 2000ern Curved Canvas genannt. Der Begriff Shaped Canvas, der auch zutreffend wäre, ist durch den berühmten Kollegen Frank Stella besetzt. Der Künstler selbst nennt sie Bildobjekte, Malerei, die in den Raum erweitert ist.
Die frühen Werke, teilweise auch in beachtlichen Größendimensionen, sind sehr reduziert auf eine einfache Form (Quadrat, Längs- und Hochrechteck), die an den Ecken mitunter tief in den Raum hineinragen und damit zugleich unübersehbar skulptural sind. Ein schönes Exemplar befindet sich in der Sammlung der Nationalgalerie.
Über die Jahre sind die Formen komplexer geworden, werden zu Vielecken, und die Bildkanten können auch mal wellig aufwarten. Ebenso hat der Künstler die Farbpalette erweitert. Pastellige Farbtöne und auch Gold- und Silbertöne kamen dazu. Auch konnten und können die Leinwände, die er Verspannungen nennt, aus zwei aneinandergeschraubten Leinwänden bestehen, deren eine Bildkante eine diagonale Linie des Gesamtbildes definiert und schwungvoll je nach Höhe und Tiefe der Bildecken die Dynamik verstärkt. Komplexer wird es bei den Bildern, die Rathke viergeteilt nennt.
Hinzu kam ab 2016 die Werkgruppe der Faltungen, die monochrom lackierte Metallplatten in vielfältigen und eigenwilligen Konstellationen auffalten und in den Raum heben. Auch die Wandobjekte Curves, in den Raum hinein gebogene, zuweilen ebenfalls monochrom gefasste Rundstangen, bilden eine eigene Werkgruppe.
Die neue Ausstellung zeigt Werke aus den letzten beiden Jahren, die ganz klar einen Paradigmenwechsel definieren.
Waren die Leinwände zuvor monochrom, auch wenn der Maler Dirk Rathke für die Erzielung des monochromen Farbeindrucks zahlreiche Farbschichten übereinanderlegte, mitunter auch Strukturen durch den Pinselduktus mit einbezog, so wird jetzt das Monochrome selbstbewusst aufgebrochen, die Flächen in geometrische Farbfelder aufgeteilt, die ein Ganzes bilden. Verschiedene künstlerische Strategien lassen sich hier ablesen.
Zum einen wird gerade bei den gerahmten 40 x 30 cm-Formaten die Leinwand z.B. in diagonal angeordnete rechtwinkelige Flächen aufgebrochen, die unterschiedlich farbig gefasst sind. Die Bildspannung erfolgt durch die Art und Weise, wie das Geviert in Farbflächen unterteilt ist und die Farbflächen gesetzt sind, und diese miteinander farbharmonisch, oder aber auch disharmonisch agieren. Die Leinwandfläche kann aber auch in spitzwinkelige Formen (zumeist Dreiecke) aufgeteilt sein oder in unregelmäßige Vier- oder Vielecke, so dass allein schon die Komposition eine Dynamik und Spannung evoziert.
Dann gibt es die Leinwände – ganz klassisch Rathke –, die durch die sich in den Raum hebende und senkende Keilrahmenform die Grundlage bilden für ein Aufbrechen der sonst monochromen Oberfläche in verschiedene farbige Felder, die sich mit und gegen die dreidimensionale Form behaupten, sie unterstreichen oder gar konterkarieren.
Ein besonderes Novum ist die Herstellung von neuen Leinwandformen, die das versetzte Aneinanderlegen von unregelmäßigen Vierecken, die zugleich monochrome Farbfelder sind, in der Rahmensilhouette spiegelt, das Geviert so z.B. zu einem ‚Gezwölft‘ werden lässt, weil es die Außenkanten der vier Farbfelder repräsentiert.
Eine eher minimalistische Variante einer neuen Werkserie besteht nur aus einer mit transparentem Hasenleim grundierten Leinwand, die zum Negativraum wird für die durch den monochromen (so scheint es zumindest) Farbauftrag entstandene geometrische Form, die über die vordere Leinwandkante bis zur seitlichen Hinterkante gezogen wird. Die Leinwandfarbe wird somit zur zweiten Farbe des Kunstwerkes. Verblüffend ist die sich einstellende Vielschichtigkeit, die einer eigentlich einfachen Regel folgt: Über einen rechteckigen Grundriss werden die Ecken (und somit Bildkanten) unterschiedlich tief in den Raum gezogen. Die darüber gespannte Leinwand wird zum Bildträger einer monochrom gemalten geometrischen Form, die diagonal oder winkelig versetzt, ihre Eckepunkte an der hinteren Keilrahmenkante hat. Diese Formel evoziert ein komplexes Erscheinungsbild, das sich von Standpunkt zu Standpunkt radikal ändert und deren Grundformen man erst einmal begreifen muss, zum Verständnis mit den Augen sozusagen nachzeichnet.
Und wenn Dirk Rathke plötzlich in den Raum geht durch das Bemalen uns bekannter Gegenstände, hier einem oder mehrerer Stühle – der klassischen Serie 7 von Arne Jacobsen – deren aus einer gebogenen Form bestehenden Sitz- und Rücklehne durch die Bemalung mit Ölfarbe eindeutig zur Leinwand mutiert, zur Kunst wird, und nicht mehr als Gebrauchsgegenstand definiert ist, dann weist er augenzwinkernd auf ein Paradox hin: Der Stuhl, der uns bei der besonders aufmerksamen Betrachtung des Kunstwerkes unterstützt, verweigert sich und wird selbst zur Kunst. Ein Ensemble von drei mit dem Titel Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau spielt augenzwinkernd auf Barnett Newmans Who is afraid of Red, Yellow and Blue an und konterkariert dessen ursprüngliches Anliegen und lädt somit ein zum Diskurs über die moderne Kunstgeschichte.
Dirk Rathke löst den selbstbewussten Ausstellungstitel New Horizons ein durch ein Feuerwerk neuer, so bisher nicht gesehener Werke. Und bleibt sich dennoch treu.
Text: Semjon H. N. Semjon, November 2025
Vernissage: Donnerstag, 27. November 2025, 19:00–21:30 Uhr
Ausstellungsdaten: Freitag, 28. November 2025 bis Samstag, 24. Januar 2026
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Bildunterschrift Titel: Dirk Rathke, New horizons. Courtesy of Semjon Contemporary.
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