bis 11.10. | #4753ARTatBerlin | Kristin Hjellegjerde Gallery Berlin zeigt ab Freitag, 12. September 2025 (Vernissage: 11.09.) die Einzelausstellung „Position of being“ der Künstlerin Lotte Keijzer.
Ein Barhocker, ein Eames-Stuhl, ein Flugzeugsitz, eine Toilette, ein Töpfchen. Position of Being, Lotte Keijzers erste Einzelausstellung in der Kristin Hjellegjerde Gallery, Berlin, erforscht, was es bedeutet, einen Platz einzunehmen und wie die Positionen, die wir einnehmen, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne, unser Selbstverständnis prägen.
Jedes Bild zeigt einen Stuhl nicht nur als Darstellung eines bestimmten Objekts oder Ortes, sondern als emotionale Erinnerung. Diese Momente entfalten sich in einer lebhaften Farbpalette, die sowohl retro als auch futuristisch wirkt und uns in einen Raum versetzt, in dem die Zeit in sich zusammenfällt. In Boundless Behaviour starren wir auf den rissigen, abgenutzten Barhocker, auf dem Keijzer einen Großteil ihrer Jugend verbrachte. Bläuliche, violette Neontöne erzeugen eine clubähnliche Atmosphäre und eine Ästhetik der neunziger Jahre, während die Fischaugenperspektive eine unbehagliche, fast schwindelerregende Wirkung hat, die einen betrunkenen Zustand imitiert, aber auch unser Verständnis von Raum verzerrt. Hier, wie auch in anderen Gemälden der Ausstellung, blickt Keijzer als Erwachsene auf eine Zeit in ihrem Leben zurück, die sich wie eine „Seifenblase eines Augenblicks“ anfühlte, die aber in der Gegenwart noch nachhallt. In dieser Bar hatte sie das Gefühl, dass alles passieren könnte – und genau so kam es. Dort trank sie zu viel, traf schlechte und einige sehr gute Entscheidungen. Hier lernte sie ihren Mann und den Vater ihres Kindes kennen.
In dem anhaltenden blauen Licht liegt ein Hauch von Sehnsucht, vielleicht sogar ein Hauch von Bedauern, aber der Akt, einen Barhocker zu malen, als sei er eine Person – ein Stellvertreter für die Künstlerin selbst -, ist auch trotzig. Sie zeigt es allen, die meinen, dass das Sitzen in einer Bar „Zeitverschwendung“ sei (Eltern vielleicht) oder dass die dort verbrachte Zeit unbedeutend sei. Derselbe Trotz zeigt sich auch in ihren Darstellungen einer Toilette und eines Töpfchens – Gegenstände, die seit jeher von der Malerei ausgeschlossen sind, obwohl sie in unserem Leben allgegenwärtig sind. Diese Arbeiten haben einen wissenden Humor und spielen mit den Vorstellungen von Macht, sind aber auch politisch. Keijzer zeigt die chaotischen Realitäten des Lebens, das Leben in einem menschlichen Körper und die unterbewertete Arbeit der Kindererziehung auf.
Die strukturierten Oberflächen von Keijzers Gemälden sprechen auch von der Verkörperung von Erinnerungen, wie sie in uns leben, unter unserer Haut. I was here before you zeigt uns die kindliche Perspektive eines lila Sessels und die ausgestreckten Beine einer rothaarigen Katze. Diese Szene spielt auf das Haus von Keijzers Großmutter an, das mit Designermöbeln ausgestattet war und von zwei herrischen Katzen bewohnt wurde, die sie nicht anfassen durfte, weil sie sie sonst gekratzt hätten. Dieses Gefühl der Spannung zwischen der Liebe zu ihrer Großmutter und der Angst vor den Katzen, wird im Kontrast zwischen der plüschigen Oberfläche des Stuhls, der im Licht schimmert und den eingezogenen, aber immer noch vorhandenen Krallen der Katze eingefangen.
Auch hier handelt es sich um ein Gemälde, das surreale Details mit humorvollem Effekt einsetzt. Im Kontext der Ausstellung spricht es jedoch auch von einem umfassenderen menschlichen Kampf, einen Platz zu finden oder zu halten; es stellt in Frage, wie wir Machtpositionen verstehen, aber auch, wie wir Bedeutung zuschreiben. Wenn wir den Stuhl als Stellvertreter für die Künstlerin verstehen, nimmt die Katze hier buchstäblich ihren Platz ein, aber wer diktiert die Hierarchie? Wer ist das „Ich“ des Titels? Wie in allen Arbeiten Keijzers ist das Bewusstsein für das verzerrte Verhältnis zwischen der vom Menschen geschaffenen und der natürlichen Welt stets präsent.
Es ist leicht, sich in den berauschenden Disko-Farben und der verträumten Stimmung dieser Gemälde zu verlieren, doch lohnt es sich, genauer hinzusehen. Wie die Worte einer guten Kurzgeschichte erfüllt jedes Pinselzeichen einen Zweck, so wie jeder Stuhl, auf dem wir sitzen, und jeder Moment, den wir erleben, zu unserem einzigartigen und sich entwickelnden Verständnis der Welt beiträgt.
Vernissage: Donnerstag, 11. September 2025, 18:00 – 22:00 Uhr
Ausstellungsdaten: Freitag, 12. September – Samstag, 11. Oktober 2025
Bildunterschrift Titel: Lotte Keijzer, Neither here nor there , 2025, Acrylfarben, Bleistift und Sand auf Leinwand, 180 x 180 cm
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