post-title Jeremy Shaw | I can see forever | König Galerie (Nave) | 24.11.-22.12.2018

Jeremy Shaw | I can see forever | König Galerie (Nave) | 24.11.-22.12.2018

Jeremy Shaw | I can see forever | König Galerie (Nave) | 24.11.-22.12.2018

Jeremy Shaw | I can see forever | König Galerie (Nave) | 24.11.-22.12.2018

bis 22.12. | #2280ARTatBerlin | König Galerie (Nave) präsentiert ab 24. November 2018 die Einzelausstellung I can see forever des Künstlers Jeremy Shaw.

Ich glaube, dass er Zugang zu einem Bewusstseinszustand hat, der unseren weit überschreitet. Das bedeutet nicht, dass dieser Zustand zwangsläufig völlig andersartig sein muss, es bedeutet vielmehr, dass er in der Lage ist, dort etwas zu entdecken und weite Landschaften erkennen zu können, wo unser Sichtfeld stark eingeschränkt bleibt.

– Dr. Daniel Moore, I Can See Forever

Jeremy Shaws künstlerische Praxis zeichnet sich durch die Verwendung vielschichtiger Effekte und Erzähltechniken aus, die mit der Wahrnehmung von Wirklichkeit und dem Ausdruck von Ideologien in der zeitgenössischen Kunst, im Film und den Massenmedien einhergehen. Sein jüngster Film I Can See Forever (2018) ist der Abschluss der hochgelobten und vielfach ausgestellten Quantification Trilogy, die mit Quickeners (2014) gefolgt von Liminals (2017) begann. Alle drei Filme erforschen kathartische Praktiken, mit deren Hilfe Bewusstseinszustände, Empfindungen, Ekstase, Glaube, religiöse Inbrunst oder Ausbruchsfantasien dargestellt und gleichzeitig hervorgerufen werden sollen. Es sind diese Extreme subjektiver Erfahrungsräume, die ausgehend von den Sub- und Populärkulturen der 1960er Jahre auch Einzug in die westliche politische Landschaft gehalten haben. Durch ein geschicktes Spiel mit den Erwartungen, die der Betrachter an das Medium Film hat, gelingt es Shaw, mit seinen Arbeiten die normativen Formen der Subjektivität in der Kulturproduktion in Frage zu stellen.

Das pseudodokumentarische I Can See Forever spielt etwa 40 Jahre in der Zukunft und ist als Episode einer fiktiven Fernsehdokumentation über das „Singularity Projekt“ angelegt – ein gescheitertes Regierungsexperiment, das auf eine harmonische Synthese von Mensch und Maschine abzielte. Der Film erzählt die Geschichte des 27-jährigen Roderick Dale, des einzig bekannten Überlebenden dieses Experiments. Geboren mit einer 8,7%igen prozentigen Maschinen-DNA und nicht interessiert an den Verlockungen der virtuellen Realität seiner Zeit, hat sich Dale ganz dem Tanz verschrieben. Während seiner einzigartigen, virtuosen Aktivität behauptet er, „für immer sehen“ zu können (See Forever) – eine vielschichtige und umstrittene Wendung, die er als die Fähigkeit definiert, sich auf eine digitale Ebene der totalen Einheit zu begeben und gleichzeitig eine körperliche Präsenz zu bewahren. Sein weitgehend hermetisch geführtes Leben hat er dem Studium des Balletts, des modernen Tanzes sowie verschiedener subkultureller Stilistiken des Tanzes im Fernsehen verschrieben. Die Momentaufnahmen, in denen Dale allein leere urbane Orte durchquert, zeugen davon, dass die gewöhnlichen Bewohner sich lieber privat in „The Unit“ verlieren, einem hochentwickelten Virtual Reality-Gerät, das die spirituelle Erfahrung von Menschen ersetzt hat.

Dales Geschichte wird im Stil des Cinéma vérité unter Rückgriff auf Interviews, Archivmaterial und Zeugenaussagen von Charakteren erzählt, die in einem Exposé vorgestellt werden. Eine Off-Stimme skizziert das Szenario einer verstörenden Zukunft, in der sich die Mythen und Verheißungen des heutigen technischen Fortschritts übererfüllt haben. Shaw manipuliert die Erwartungen an Narration und Visualität derart, dass man in einen Zustand des zeitweiligen Aussetzens von Glaube und Zweifel versetzt wird. Die futuristische Biotechnologie und die Spiritualität und Transzendenz produzierendenVirtual Reality-Geräte, die in der Geschichte beschrieben werden, stehen in einem krassen Gegensatz zu Puzzlespielen und Tanzvideos, die auf einem alten Röhrenfernseher geschaut werden – es sei denn, man erkennt an, dass das Klassenproblem nicht durch den technologischen Fortschritt gelöst wird. Mit dem Stil und der Ästhetik eines Historienfilms, verstärkt durch die vertraute Körnigkeit und die Bildstörungen einer VHS-Kassette, kann die Arbeit für manchen Betrachter Nostalgie für die 1990er Jahre auslösen, das Jahrzehnt, in dem die Globalisierung den privaten und öffentlichen Sektor heimlich und radikal transformierte. Der Verwendung unzeitgemäßer Medien, um Nostalgie auszulösen, unterstreicht die Tatsache, dass der Glaube selbst eine Zeitlichkeit in sich trägt.

Wirkt aufgrund einer anhaltenden historischen Verzerrung, die Faktizität historischer Dokumente im Vergleich zu denen, die mit zeitgemäßen Mitteln erstellt wurden, naiv? Während der Betrachter versucht, das Material einzuordnen, konfrontiert ihn der Film mit einer bedrohlichen Situation: Was wäre, wenn wir, die Bürger des 21. Jahrhunderts, unsere Spiritualität verloren hätten? Wie wüssten wir davon, und wäre sie für immer verloren? Was wären Fakten wert, wenn ein übergeordneter Sinn verloren ginge? Das Eingangszitat von Dr. Daniel Moore zeigt, wie das Kantsche Erhabene heute funktioniert: Es reicht nicht mehr aus, die Geheimnisse der Natur durch menschliche Augen wahrnehmen und verstehen zu wollen. Das menschliche Wissen ist längst von Maschinen abhängig, die die Welt für uns wahrnehmen und Zeichen produzieren, die wiederum von Wissenschaftlern interpretiert werden. Was aber wenn wir täglich erlebten, wie die menschliche Wahrnehmung auf das Universum hin erweitert würde? Was wenn wir an den Grenzen unserer Wahrnehmung nicht kehrt machen müssten? Verlören wir die Intimität, die uns immer dann befällt, wenn wir nicht abschließend erklären können, mit was wir es zu tun haben? Verlören wir unsere Demut? Unsere Empathie? Unseren Sinn für ein Außen und für eine Zugehörigkeit? Wenn Geschichte in der Gegenwart erzählt wird, dann überragt die Gegenwart der Filme Jeremy Shaws beide Seiten des umkämpften Moments, in dem wir leben.

In einer mit Spannung erwarteten längeren Tanzszene in Dales Studio wird die Sehnsucht nach einem körperlichen Ausdruck überwältigend schön. Die Räumlichkeit des Sounds entwickelt sich langsam von Stereo hin zu Surround, begleitet von einer immer schneller werdenden Bildmontage. Wie es oft der Fall ist, entpuppt sich die Übungseinheit als eine der besten Performances überhaupt und erscheint wie der Höhepunkt des Films. Der Betrachter wird für einen Moment gewissermaßen klanglich verschlungen, bis Dale sich auf einmal in überwältigende computergenerierte Effekte aufzulösen scheint – die Shaw entwickelt hat, um eine extreme, subjektive Erfahrung zu veranschaulichen. In dem Moment, in dem der Protagonist den Tanz transzendiert, wird er zum Objekt filmischer Forschung. Die Transzendenz durch den Tanz verändert seinen Charakter und wird zum Kampf gegen die Darstellbarkeit. Dieser zweite Höhepunkt des Films ist ein zerstörerischer, er stößt die gesamte Ästhetik, Kontextualisierung und Narration um und läutet eine Transformation ein. Schlussendlich rahmt das Kunstwerk Dales Lebensgeschichte neu (und warum nicht auch die der Betrachtenden?), indem es sein Dasein auffrisst und es in seinen eigenen Apparat inkorporiert. Dieser Bruch und dieses Einverleiben bleiben hochgradig ambivalent, können sie für einige Glauben, Glück und Frieden und für andere Wahn, Leid und Tyrannei bedeuten. Ist all dies nur business as usual?

In seiner gesamten künstlerischen Praxis zeigt sich Shaw immer als scharfer Beobachter kultureller Phänomene, die die Normativität der Mainstreamkultur durch einen experimentellen Zugang zu Körper und Geist herausfordern. Seine Arbeiten erzeugen eine dramatische Spannung um Wahrheitsansprüche oder körperliche Transzendenz, die mit selbst-gebildeten Formen von Gemeinschaften verwoben sind, wie Kulten, religiösen Gruppen, Wissenschaftsgemeinden, utopischen Drogenszenen oder Musik- und Tanzsubkulturen. Diese Spannung – für manchen Betrachter vielleicht sogar Angst – erstreckt sich auch auf die Erwartungen an die Macht oder auch Effektivität der zeitgenössischen Kunst selbst. Die Realität ist eine Verschränkung von Effekten, die durch menschlichen Erfindungsreichtum entstehen konnten, die aber gleichzeitig das Risiko bergen, die Menschlichkeit zu verlieren.

Wie in seinen vorherigen Arbeiten skizziert I Can See Forever eine Politik der Erschaffung und Ökonomie von Effekten und Affekten, Realitäten und Emotionen, die Fragestellungen rund um Identität, Glaubenssystemen, menschlicher Evolution und veränderten Bewusstseinszuständen aufwerfen, die einhergehen mit Einschränkungen, die uns das Menschsein auferlegt. Genauer gesagt, artikuliert der Film authentische Erfahrung, als Moment, in dem die Katharsis, die erhabene Erfahrung und ihre Repräsentation in einen ethischen und politischen Kampf um Autonomie geraten, dem wir uns entweder gewaltsam ausgesetzt fühlen oder als Fluchtversprechen wahrnehmen. In ästhetischer und konzeptioneller Hinsicht ist dies keineswegs die gemeinhin geschmackvolle Höflichkeit der bürgerlichen Kultur, wie sie in der zeitgenössischen Kunst vorherrschend ist. Was auf dem Spiel steht, ist ein Gefühl der Zugehörigkeit in der Komplexität menschlicher Sinnzuweisungen. Es ist bezeichnend, dass Dale durch seinen erweiterten Körper seinen eigenen Sinn für Zugehörigkeit entwickelt, indem er aktiv Prozesse der Forschung und des Experimentierens durchläuft – die Betrachtenden der Arbeit werden so angeregt, über ihre eigenen Überzeugungen und Praktiken nachzudenken. Durch die Aufhebung von Glaube und Zweifel gelingt es Shaws Arbeit, den Kampf zwischen der Suche nach Wahrheit und dem Verlangen, seine eigene Lebensform durch Selbstbestimmtheit und Ausdruck zu formen und darzustellen, entgegen dominierenden Formen der Herrschaft und der Meinungsbildung. I Can See Forever stellt die Frage: Ist die zeitgenössische Kunst ein geeigneter Ort, um einen solchen Kampf zu auszuführen oder eine solche Offenbarung zu präsentieren?

Text: Maxwell Stephens

ART at Berlin – Courtesy of Koenig Galerie – Jeremy ShawJeremy Shaw, I Can See Forever, 2018, film still

Jeremy Shaw (* 1977 in Vancouver) setzt sich in verschiedenen Medien mit veränderten Bewusstseinszuständen und den kulturellen und wissenschaftlichen Praktiken auseinander, die transzendentale Erfahrungen verstehbar machen wollen. Seine Filme, Skulpturen und Installationen wurden in zahlreichen Institutionen weltweit ausgestellt, unter anderem in Einzelausstellungen im MoMA PS1 (US), Schinkel Pavillon (DE) und MOCA (CA) und in Gruppenausstellungen wie der 57igsten Venedig Biennale (IT), Manifesta 11 (CH), dem Stedelijk Museum (NL), sowie dem Palais de Tokyo (FR). Im Jahr 2018 nahm er am Residency Programm des Hammer Museums (US) teil und gewann in 2016 den Sobey Art Award (CA). Arbeiten von Shaw befinden sich in öffentlichen Sammlungen in aller Welt, etwa im Museum of Modern Art, NY (US), Centre Pompidou (FR) und Tate Modern (UK). In 2020  werden seine Werke in einer Einzelausstellung im Centre Pompidou zu sehen sein.

I Can See Forever wurde koproduziert von Medienboard Berlin Brandenburg und KÖNIG GALERIE mit der Unterstützung vom Hammer Museum, Los Angeles, dem Kunstverein Hamburg sowie der Esker Foundation, Calgary.

Vernissage: Freitag, 23. November 2018, 18:00 – 21:00 Uhr

Ausstellungsdaten: Samstag, 24. November – Samstag, 22. Dezember 2018

Zur König Galerie

 

Bildunterschrift: Jeremy Shaw, I Can See Forever, 2018, film still

Ausstellung Jeremy Shaw – König Galerie | Zeitgenössische Kunst in Berlin | Contemporary Art | Ausstellungen Berlin – ART at Berlin

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