bis 25.04. | #4985ARTatBerlin | Die Galerie Kristin Hjellegjerde in Berlin zeigt ab Freitag, 27. März 2026 (Vernissage: 26.03.), die Ausstellung „Always, Everything“ der Künstlerin Amy Dury.
Ein Vater, eine Mutter, zwei Töchter – ein Porträt einer kleinen Familie im Sonnenschein. Die Kinder halten leuchtend rote Rosen, ein kleiner Hund liegt im Gras, und hinter ihnen öffnet sich ein abstracted Blumenfeld wie eine idyllische Kulisse. Auf den ersten Blick wirkt alles vertraut, wie ein Bild aus einem Familienalbum. Doch im Zentrum steht die Mutter in Flammen. Always, Everything, das titelgebende Gemälde von Amy Durys Einzelausstellung in der Kristin Hjellegjerde Gallery in Berlin, unterläuft die scheinbare Idylle und hinterlässt ein Bild, in dem sich leise Unruhe einschreibt.
Subtile Irritationen prägen Durys Malerei. Ausgangspunkt ihrer Bilder sind Fotografien und Amateurfilme aus der Zeit vor der Digitalisierung – „fröhliche Urlaubsschnappschüsse“, wie sie sie selbst nennt. Sie zeigen Momente der Nähe: Familienfeiern, Freundschaften, scheinbar sorglose Augenblicke. Doch was zunächst Nostalgie und Vertrautheit vermittelt, verschiebt sich im Malprozess: Flüchtige Dokumente des Glücks verwandeln sich in Szenen, in denen Gesten, Blicke und kleine körperliche Signale soziale Rollen, Hierarchien und unausgesprochene Dynamiken sichtbar machen. Was zunächst wie eine harmlose Erinnerung wirkt, kippt bei näherem Hinsehen ins Ambivalente.
Auch If I only could spielt mit dieser Spannung. Ein Paar sitzt in einem Wohnzimmer der 1970er- oder 1980er-Jahre: Der Mann sitzt im Sessel, die Schuhe vor sich ausgezogen, eine Zigarette in der einen Hand, den anderen Arm um den Hals der Frau gelegt, die auf der Armlehne sitzt. Seine Haltung strahlt souveräne Gelassenheit aus; ihre eher Zurückhaltung und Unbehagen. Die lebhafte Farbpalette aus Rosa- und Rottönen, die die Szene überzieht, verstärkt dieses Ungleichgewicht und vermittelt den Eindruck von etwas Unausgesprochenem oder Unsichtbarem.
Die Gemälde der Ausstellung zeigen immer wieder Frauen, die in scheinbar harmonischen Situationen auftreten, dabei aber eine subtile Fremdheit, Beklemmtheit oder Distanz ausstrahlen: In 5 O’Clock Somewhere tanzt ein Mann im Vordergrund, sein Körper von leuchtenden Orange- und Rottönen umgeben, während im Hintergrund eine Frau mit verschränkten Armen zusieht. Ihre Haltung wirkt distanziert, beinahe abweisend – als würde sie der Szene nicht wirklich angehören.
Diese Spannung ist eng mit Durys Interesse an Erinnerung verbunden. Für die Künstlerin ist Nostalgie ein ambivalentes Gefühl: Familienfilme und Fotografien entstehen meist in glücklichen Momenten – im Urlaub, bei Feiern, bei Ereignissen, die bewahrt werden sollen. Doch sie zeigen immer nur einen Ausschnitt. Die ganze Geschichte bleibt uns verborgen. Indem Dury einzelne Standbilder auswählt, sie verfremdet und mit intensiven Farbwelten überzieht, erzählt sie andere mögliche Geschichten über diese Momente – Geschichten über Rollenbilder, Machtverhältnisse und unausgesprochene Erwartungen.
In The Fixer üben Mädchen in einem Pfadfinderinnenlager Erste Hilfe, während in To Boldly Go zwei Jungen mit einem selbstgebauten Boot aufbrechen. Die Szenen wirken zunächst unschuldig und spielerisch – und doch spiegeln sie vertraute Geschlechterrollen: Fürsorge auf der einen, Abenteuerlust auf der anderen Seite. Trotz ihrer Retro-Ästhetik sind Durys Bilder keine nostalgischen Rekonstruktionen der Vergangenheit. Vielmehr zeigen sie, wie sehr unsere Vorstellungen von früher durch Bilder geprägt sind – und wie trügerisch diese Bilder sein können.
Auch der Titel der Ausstellung, Always, Everything, trägt diese Mehrdeutigkeit in sich. Er klingt nach einem Versprechen von Vollständigkeit, nach dem Wunsch, einen Moment oder eine Beziehung vollständig festzuhalten. Doch genau diese Vorstellung erweist sich in Durys Malerei als Trugschluss. Erinnerungen sind fragmentarisch, fragil, verschieben sich mit der Zeit und entziehen sich einer eindeutigen Form. Durys Gemälde zeigen uns daher nicht einfach die Vergangenheit. Sie zeigen, wie wir sie erfinden.
Vernissage: Donnerstag, 26. März 2026, 18 – 20 Uhr
Ausstellungsdaten: Freitag, 27. März – Samstag, 25. April 2026
Bildunterschrift: Gisela Krohn, Linumhorster Allee 3 | Öl / Lw, 180 x 180 cm, 2012
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