bis 31.01. | #4890AARTatBerlin | Galerie kajetan Berlin präsentiert ab Samstag, 13. Dezember 2025 (Vernissage: 12.12.) die Ausstellung „Sidetracked“ des Künstlers Marc Nagtzaam.
Die Galerie kajetan freut sich, unter dem Titel Sidetracked eine Einzelausstellung des niederländischen Künstlers Marc Nagtzaam (*1968) präsentieren zu dürfen. Die Ausstellung vereint aktuelle Graphitzeichnungen und neueste Riso-Drucke, in denen Nagtzaam seine charakteristische, geometrisch anmutende Formensprache erstmals um Farbe erweitert.
Bereits seit den späten 1990er Jahren entwickelt Nagtzaam ein zeichnerisches Werk, das von der Spannung zwischen Ordnung und Abweichung getragen ist. Seine Arbeiten entstehen langsam, Schicht für Schicht, als sukzessive Verdichtungen von Flächen und Rhythmen. Dabei ist das Zeichnen selbst Gegenstand seiner Arbeiten — ein Prozess, der Zeit dokumentiert, visuelle Räume erschafft und den Blick auf das grundlegende Element eines Bildes lenkt: die Linie.
Marc Nagtzaam, Sidetracked, Exhibition view,
Courtesy the artist & Galerie kajetan, Photo: Gunter Lepkowski
In A Collection of Pages (2025) schafft Nagtzaam ein System von rechteckigen Feldern, die einem Raster ähneln könnten, würden sie nicht durch bewusste Leerstellen gekennzeichnet sein. Die offenen Partien, die den Blick auf den Bildträger — das Papier — und frühe Zeichenschichten freigeben, bezeugen einen linearen Aufbau des Bildes und lassen kleine Abweichungen innerhalb der bezeichneten Felder zu Tage treten. Die minutiös gesetzten, unzähligen Graphitstriche erzeugen ein optisches Flirren — man meint, ein vibrierendes Gewebe vor sich zu haben. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen konstruktivem Aufbau und intuitiver Setzung.

Marc Nagtzaam, Sidetracked, Exhibition view,
Courtesy the artist & Galerie kajetan, Photo: Gunter Lepkowski
Der Titel der Arbeit verweist auf einen zentralen Schritt innerhalb des künstlerischen Prozesses. Natzgaam nimmt die Arbeit mit einer strukturellen Planung auf, die einen Umweg zu gehen scheint: Aus Magazinen wählt der Künstler Seiten und Bildausschnitte, ausserdem Architekturfotos, Layouts oder frühere eigene Zeichnungen. Diese Elemente werden anschließend zu einer Collage arrangiert. Der Künstler überträgt das äussere wie innere Gefüge der Bilder aus Linien, Rändern und Feldern, die in der Folgezeit ausschraffiert und zeichnerisch definiert werden. Ursprüngliche Bilder verschwinden, neue treten an ihre Stelle, die nichts weiter als sich selbst bezeichnen und damit ausschließlich als reine Zeichnung existieren.
Marc Nagtzaam, Sidetracked, Exhibition view,
Courtesy the artist & Galerie kajetan, Photo: Gunter Lepkowski
The Space of Two Weeks (2025) greift das Verhältnis von Zeit und Fläche auf. Die einzelnen Felder sind von oben nach unten in unterschiedlichen Schichten ausgeführt: Während die oberen Felder von vielschichtigen, dunklen Graphitlagen getragen sind, lichten sich diese nach unten hin, bis sie auf vermeintlich unfertige, lediglich vorbereitete Partien treffen. In der Abfolge dieser unterschiedlich dichten Felder
entstehen feine Push-and-Pull-Effekte, die der Bildfläche eine räumliche Struktur verleihen. Gleichzeitig aktiviert diese Staffelung unsere Vorstellungskraft: Wie sähe die Arbeit nach weiteren zwei Wochen aus? Wie würden sich Tonwerte und Verdichtungen verschieben? Jedes Feld verkörpert eine Zeitspanne, die Nagtzaam in materialisierter Form sichtbar macht.
In No One is There (2025) verschiebt sich sodann der Schwerpunkt hin zu einer nahezu geschlossenen Fläche, die eine innere Bewegung trägt: Schmale, lichte Partien und minimale Tonwertwechsel rhythmisieren das hochformatige Feld. Der Titel verweist auf ein bewegtes, unstetes Gefüge — eine Ordnung, die ihre Struktur durch Unterbrechungen und Begrenzungen erhält.
Marc Nagtzaam, Sidetracked, Exhibition view,
Courtesy the artist & Galerie kajetan, Photo: Gunter Lepkowski
Nagtzaams Arbeiten bewegen sich im mittelformatigen Bereich, sodass die dichten Schraffuren im Nahblick eine nahezu haptische Qualität entfalten, während aus der Distanz klare geometrische Felder dominieren. Dies gilt auch für Nagtzaams neue Riso-Drucke Flächen (Zeichnungen / Farben) (2025). Das Risographieverfahren, bei dem jede Farbschicht separat durch eine Schablone gedruckt wird, erlaubt dem Künstler eine Arbeitsweise, die seinem zeichnerischen Prozess verwandt ist. Durch minimale Registerverschiebungen entstehen feine Unschärfen und Überlagerungen.
In den Drucken tritt ein feines, netzartig wirkendes Punktmuster hervor – ein als Motiv gedrucktes Raster, das sich wie eine zusätzliche Schicht über die Komposition legt und das Blatt als technisches Erzeugnis ausweist. In einem der Blätter dagegen erscheinen purpurne, ursprünglich handschriftliche dynamische Linien, deren gestisches Moment durch das Druckverfahren transformiert wird: Das Gestische bleibt spürbar, geht jedoch im reproduzierten Zustand in eine strukturierende, von der Handschrift gelöste Setzung über. Auch die Farbe selbst wird nicht expressiv eingesetzt, sondern als weiterer Baustein einer strukturellen Untersuchung von Dichte und Tiefe, Fläche und Rhythmus.
Marc Nagtzaam, Sidetracked, Exhibition view,
Courtesy the artist & Galerie kajetan, Photo: Gunter Lepkowski
Obwohl Nagtzaams Werk ästhetisch an Strömungen der Postmoderne anknüpft — so etwa an die serielle Logik der Minimal Art oder an die geometrische Klarheit der konkreten Kunst — verschiebt er deren Prinzipien in eine originäre Richtung: Wo die Minimal Art industriell, gleichförmig und kühl wirken wollte und die konkrete Kunst auf mathematische Ordnung zielte, besteht Nagtzaam auf der Sichtbarkeit des
Handgemachten mitsamt seiner vermeintlichen Imperfektionen. Raster werden offen gehalten, Flächen tragen das Gewicht ihrer händischen Schraffuren und Systeme erlauben das Ungeplante. Auch im Umgang mit Zeit unterscheidet sich Nagtzaam von konzeptuellen Positionen des späten 20. Jahrhunderts: Zeit erscheint bei ihm nicht als kalendarisches Konzept, sondern als sichtbar gewordene, allmählich verdichtete Graphitschicht. So entsteht aus der Gleichzeitigkeit von Regelmäßigkeit und Abweichung, von Struktur und Intuition, ein stilles autonomes Werk, das präzise, konzentriert und offen zugleich ist.
Text: Eliza Grabarek
Marc Nagtzaam ist 1968 in Helmond, Niederlande geboren. Er lebt und arbeitet in Hoofdplaat, Niederlande. Der Künstler hat sich über die Jahre in der internationalen Kunstszene etabliert und eine Vielzahl von Solo- und Gruppenausstellungen realisiert. Zu seinen wichtigsten Soloausstellungen zählen unter anderem The Same and the Other (2024, Umbrella West Coast Exhibitions, Nørre Nebel, Dänemark), Texte und Bilder (2022, Alex51 Gallery, Maastricht) und Not Available (2014, De Kabinetten van De Vleeshal, Middelburg, Niederlande).
Darüber hinaus zeigte er seine Arbeiten in renommierten Institutionen wie dem S.M.A.K., Gent, dem Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam, und der Fondazione Giuliani, Rom. Seine Werke wurden in zahlreichen Gruppenausstellungen präsentiert, darunter En Route (mit Stephan Keppel, Bradwolff Projects, Amsterdam), Trance-Action (MuZEE, Ostende, Belgien) und Bottom Line (2015, S.M.A.K., Gent). Außerdem sind seine Arbeiten in bedeutenden Sammlungen vertreten, unter anderem im Centraal Museum, Utrecht, im S.M.A.K., Gent und in der Kadist Art Foundation, Paris.
Seit den 1990er Jahren hat Nagtzaam zahlreiche Werke und Texte in Roma Publications herausgebracht, einem unabhängigen Verlag, den er 1998 mitbegründete. Dieser erlangte internationale Beachtung und hat sich einen festen Platz in der Kunstwelt erobert. Die Publikationen sind unter anderem in der MoMA Library in New York, der New York Public Library (NYPL) sowie in renommierten Sammlungen wie dem Stedelijk Museum, Amsterdam und dem MACBA, Barcelona archiviert.
Vernissage: Freitag, 12. Dezember 2025, 18:00–21:00 Uhr
Ausstellungsdaten: Samstag, 13. Dezember 2025 bis Freitag, 31. Januar 2026
Zur Galerie
Bildunterschrift Titelbild: Marc Nagtzaam, Flächen, 2025, Unique Riso print, 42 × 30 cm.
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