bis 11.04. | #4968ARTatBerlin | Galerie alexander levy zeigt derzeit die Ausstellung Carries der Künstler*innen Mariechen Danz, Friedrich Einhoff und Xie Lei.
Was wird sichtbar, wenn ein Körper dargestellt, geformt oder fragmentiert wird? Körper sind keine geschlossenen Einheiten. Sie stehen in fortwährender Beziehung zu ihrem Umfeld. Sie bewahren Erfahrungen und Erinnerungen in Träumen, Gesten, Routinen, Narben. Sie fungieren als Schwelle zwischen Innen und Außen, zwischen individueller Erfahrung und gesellschaftlicher Struktur, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
„Carriers“versammelt drei künstlerische Positionen, die den Körper als Speicher und Projektionsfläche von Erinnerung, Macht und Transformation untersuchen. Mariechen Danz, Friedrich Einhoff und Xie Lei analysieren auf unterschiedliche Weise, wie sich Erfahrung in unseren Körpern ablagert.

Mariechen Danz, Friedrich Einhoff, Xie Lei,Carriers, installation view alexander levy, Berlin,
photo: Marcus Schneider, courtesy of the artists, alexander levy, Berlin.
Xie Leis Malerei operiert im Zwischenbereich von Traumzustand und Bewusstsein. Seine Figuren erscheinen in Zuständen der Schwebe, ohne klar definierbare Orte und narrative Fixierung. Sie bleiben anonym. Entscheidend ist nicht, wer sie sind, sondern in welchem Zustand sie sich befinden. Xie Lei interessiert sich für intensive Zustände menschlicher Empfindung wie Schmerz und Lust und die Ambiguität menschlicher Beziehung. Der Fall ist dabei ein wiederkehrendes Motiv. Er wird zu einem Symbol für ein psychisches Empfinden zwischen Kontrollverlust, Schwerkraft und Übergang. In den Arbeiten der Serie „Premonition“ im oberen Raum der Ausstellung verdichtet sich dieses Gefühl. Einzelne Figuren erscheinen kopfüber im Bildraum. Die Gesichter sind verzerrt, die Münder aufgerissen; ob vor Schmerz oder Lust, bleibt offen. Die Arbeiten wirken wie Studien, angedeutet, konzentriert und ohne erzählerische Ausformulierung. Durch die Pinselführungscheint der Bildraum mit den Menschen zu verschmelzen. Die Köpfe sind in ihrer Bewegung eingefroren und zugleich leicht unscharf. Es entsteht etwas Geisterhaftes, als seien sie gerade erst aufgetaucht und bereits im Begriff, sich wieder aufzulösen. Diese Figuren lassen sich als Verkörperungen innerer Zustände lesen. Sie erscheinen wie mentale Nachbilder von Unbekannten, Fragmente einer Erinnerung, die keinen festen Ursprung hat.

Friedrich Einhoff Kopf mit Haut und Haar, 2002 Acrylic, charcoal and sand on canvas 135 x 110 cm.
Photo: Marcus Schneider Courtesy of theartist andalexander levy, Berlin
Die Arbeiten von Mariechen Danz konzentrieren sich auf den Körper als Ort der Wissensproduktion. Er wird zum Ausgangspunkt um hierarchische Wissensstrukturen, deren historische Einbettung und die gesellschaftliche Ordnung kritisch zu reflektieren. Alphabet, Kartographie oder wissenschaftliche Modelle dienen als Referenzsysteme. Gleichzeitig hinterfragt Danz die Vorrangstellung hegemonialer und westlicher Wissensproduktion. Sie öffnet den Blick für andere Formen der Erkenntnis, sei es körperlich, mündlich oder magisch.

Mariechen Danz Possible Paths (fossil), 2021Semi-precious stones,fossils, resin3 x 10 x 26 cm (each).
Photo: Marcus Schneider Courtesy of the artist and alexander levy, Berlin
Im oberen Raum der Ausstellung begegnen wir„Common Carrier Case (X Votive/starmap/ I-a)“ einer menschlich anmutenden Silhouette aus perforiertem Aluminium. Ihre Form leitet sich von einem von Danz entwickelten Kostümschnittmuster ab. Das durch die Stanzungen fallende Licht, erzeugt an der Wand einen Schatten, der an eine Sternenkarte erinnert. Aus dem flächigen, kühlen Körper ragen transparente Organe an langen geschwungenen Stangen hervor. Indem die Gestänge direkt aus den Wänden hervortreten, wird die Architektur selbst zum Teil des Körpers. Diese Abgüsse menschlicher Lungen bestehen aus Polyurethan und enthalten Ammoniten und Fossilien, womit sie Spuren verschiedener Zeiten und Orte in sich tragen und auf die Überlagerung von Anatomie mit Geschichte und Geologie verweisen. Außerhalb des Körpers positioniert, zeigen die Organe die Interaktion von Innen und Außen und veranschaulichen die fortlaufenden Prozesse von Transformation, Übertragung und Einschreibung. Die Formen basieren auf medizinischen Lehrmodellen, die Danz immer wieder „operiert“ und aktualisiert. Auf diese Weise fungieren sie als Carrier von Geschichte, Politik, Kultur und Sozialisation.

Xie Lei Premonition VIII, 2025 Oil on paper 42 x 30 cm.
Courtesy of the artist,alexander levy, Berlin, Siesand Höke, Düsseldorf
In den unteren Stock führt ein Pfad aus gegossenen Fußsohlen, die Mineralien und Edelsteine enthalten. Sie markieren Bewegungsrichtung und Orientierung, zugleich dienen sie als Materialisierung körperlicher Spuren. Dort begegnen Besuchende der Arbeit „Digestive System 3D“aus der Serie der „Fossalizing Organs“, einem Verdauungssystem, das auf einem verzweigten, wurzelartigen Gestell aufgerichtet steht und in dem zwei Mamoreier implantiert sind. Die inneren Strukturen des Körpers werden nach außengekehrt und sichtbar gemacht, und um einen immanente Fossilisierungsprozess erweitert.
Die Arbeit von Danz zeigt, wie Wissen nicht nur durch Texte, Modelle oder Karten vermittelt wird, sondern auch im Körper eingeschrieben bleibt. Ihre Arbeiten kartografieren Erfahrung wie eine Landschaft und machen deutlich, dass epistemische Systeme historisch, hierarchisch und sozial geformt sind.

Mariechen Danz, Friedrich Einhoff, Xie Lei,Carriers, installation view alexander levy, Berlin,
photo: Marcus Schneider, courtesy of the artists, alexander levy, Berlin
Im unteren Stockwerk begegnen uns die zerklüfteten Figuren von Friedrich Einhoff. Im Zentrum stehen nicht individuelle Personen, sondern anonymisierte Figuren, die als Stellvertretende unserer menschlichen Existenz fungieren. Auch die Räume, in denen sie erscheinen, bleiben unbestimmt. Durch die Verwendung von Acryl, gemischt mit Sand, Erde und Asche entstehen raue, membranartige Oberflächen, die die Haut der Figuren in Textur und Transparenz erweitern. Der Untergrund erscheint wie eine schrundige Landschaft, die Figur und Raum miteinander verschränken.
Die Körper sind meist auf Torso oder Kopf reduziert und tragen die Spuren von Erfahrung, Verletzung und Zeit. Zartbrüchige Linien werden immer wieder aufgetragen, überarbeitet und teilweise wieder gelöscht, wodurch sich eine Verflechtung zwischen Körper und Umgebung ergibt: Fleckengebilde verlagern sich aus dem Kopf in die Umgebung und zurück, Innen und Außen greifen ineinander. Zurückgezogene Haltungen verwehren einen direkten Zugang, zugleich vermitteln sie die Präsenz eines Innenlebens, das sich in den Raum ausdehnt. Die Figuren wirken in der Schwebe und vermitteln ein stummes Pathos der Vereinzelung. Die Aura, die sie umgibt, entsteht aus der Materialität der Oberfläche und der Linienführung. Seine Figuren machen die permanente Einschreibung von Erfahrung in den Körper spürbar.
Text von Lydia Ahrens
Ausstellungsdaten: Freitag , 27. Februar – Samstag, 11. April 2026
Bildunterschrift Titelbild: Mariechen Danz Liver (fossil / map toxin), 2018 Marble egg, pigment, resin 23 x 15 x 10 cm. Photo: Marcus Schneider Courtesy of the artist and alexander levy,Berlin
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