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Swaantje Güntzel

Die Konzept- und Performancekünstlerin Swaantje Güntzel (*1972 in Soest) lebt und arbeitet in Hamburg. Sie führt uns mit ihrer Kunst das Verhältnis von uns Menschen zur Natur vor Augen. Von Mikroplastik aus der Kosmetikindustrie über den Great Pacific Garbage Patch, einen gigantischen Müllteppich im Pazifik, bis zur akustischen Belastung der Ozeane – in ihrer künstlerischen Überzeichnung werden die Absurdität unseres Verhaltens und unsere Entfremdung gegenüber der Natur deutlich. Kunstwerke, die auf den ersten Blick spielerisch anmuten, offenbaren bei genauem Betrachten die brutale Wahrheit der Effekte unseres rücksichtslosen Konsumverhaltens.

Swaantje Güntzel im  “DEEDS. 10+ Fragen, die Künstler umtreiben”-INTERVIEW

Zwei Sätze zu Deiner Vita.

Nach der Schule habe ich erst in Mexiko gelebt und dann in Bonn Ethnologie studiert. Im Anschluss bin ich nach Bolivien gegangen um am Goethe Institut La Paz in der Kulturabteilung zu arbeiten. Nach der Rückkehr habe ich an der HfbK Hamburg studiert und parallel dazu in Berlin und Hamburg als künstlerische Assistentin von Andreas Slominski gearbeitet.

Worüber machst du dir zurzeit am meisten Gedanken; was beschäftigt Dich?

Derzeit beschäftige ich mich vor allem mit der Diskrepanz zwischen dem Selbstbild des Menschen im Umgang mit der Natur und der eigentlichen Realität unseren Handelns.

Wie bist Du zur Kunst gekommen? Warum Kunst?

Die Kunst war schon immer da, ich bin als Kind in Ausstellungen gegangen und hatte das Glück, 1-2 Mal die Woche die Nachmittage bei Künstlern, die mit meinen Eltern befreundet waren, verbringen zu dürfen. Dort konnte ich mich ausprobieren und beobachten was Künstler beschäftigt und wie sie Themen dann umsetzen. Später war ich auf einer Schule die musische Fächer als Schwerpunkt anbot. Der Kunstunterricht wurde  von Lehrern abgehalten, die selbst freie Künstler waren und deren Blick auf die Welt dementsprechend anders war. Mich über die Kunst auszudrücken wurde damit zu etwas Selbstverständlichem.

Was macht Dich aktuell glücklich? Was macht Dir aktuell Angst?

Hier und jetzt macht mich mein aktueller Aufenthaltsort sehr glücklich. Ich verbringe den Sommer in Westfalen in einer Künstlerresidenz wo ich zusammen mit meinem Freund/Kollegen, dem Künstler Jan Philip Scheibe der Frage nachgehe, wie sich Menschen in Krisenzeiten von der sie umgebenden Natur ernähren. Wir haben auf einem ehemaligen Klostergelände einen Krisengarten angelegt und arbeiten  performativ zu dem Thema. Uns umgibt eine grüne Blase abseits der Stadt zwischen Störchen, Brombeerhecken und Kühen. So können wir uns  voll auf das Projekt einlassen.

Für diesen Sommer habe ich mir vorgenommen keine Angst zu haben.

Was macht Deine Kunst aus? Und kannst Du die Intention Deiner Kunst mit uns teilen?

In meiner Kunst beschäftige ich mich mit dem entfremdeten Verhältnis des Menschen zur Natur. Indem ich alltägliche Situationen in fast naiver Weise nur leicht überzeichne, spiegel ich das widersprüchliche Selbstverständnis des Menschen, Natur zu idealisieren und gleichzeitig kontrollieren zu wollen. Ich sehe mich nicht als Aktivistin, ich gebe die nötigen Informationen zu meinem Werk, lasse den Betrachter dann aber mit der Arbeit allein. Die meisten meiner Werke wirken auf den ersten Blick bunt, verspielt und harmlos, oft weil ich Dinge in das Konzept einbeziehe deren Form bekannt und positiv konnotiert ist, wie z.B. Spielzeuge, Warenautomaten oder klassische Souvenirs. Erst auf den zweiten Blick erschliesst sich dann der Kontext der verstörend und in manchen Fällen auch abstossend ist. Es ist wie eine Art Tarnung des eigentlichen Narrativs, aber nur so wird es erträglich, für mich selbst, aber auch für den der sich dem Werk öffnet.

Wie schützt Du Dich in der heutigen Zeit vor zu viel Inspiration?

Ich habe mein Leben lang mit Notizheften, Endloslisten und Unmengen von Klebezetteln gearbeitet, auf  denen ich notiere mit welchen Themen ich mich noch beschäftigen oder was ich zu einem späteren Zeitpunkt nochmal aufgreifen möchte. Damit kann ich das aus meinem Kopf auslagern. Ich verbringe viel Zeit an abgeschiedenen Orten wo nur erschwert Zugang zum Internet besteht oder rufe nur die nötigsten Informationen ab. Diese Form der Dosierung hilft.

Wie beurteilst Du die aktuelle Entwicklung des Kunstmarktes?

Wenn ich bei der Betrachtung des Kunstmarkts die Hypes und Blasen (die es vermutlich in regelmässigen Abständen immer wieder geben wird) aussen vor lasse und mich eher auf die inhaltliche Entwicklung konzentriere, fällt mir immer wieder das eigenwillige Missverhältnis zwischen Realität und gefordertem politischen Engagement der Künstler auf. Auf der einen Seite werden Künstler verstärkt dazu angehalten sich mehr in das politsche Geschehen einzumischen, in ihrer Kunst Stellung zu beziehen und fast schon die Rolle der Politik zu übernehmen, gleichzeitig möchte sich aber niemand mit dieser Art von Kunst umgeben.

Zwei Sätze zu Deinem aktuellen Projekt.

Neben dem erwähnten Krisengarten arbeite ich aktuell mit Überraschungseiern (nur der Inhalt, nicht die Schokolade), die Anfang Januar 2017 nach einer Containerhavarie in der Nordsee auf Langeoog angespült wurden. Ich habe gerade mehrere Ideen wie ich die Eier künstlerisch nutzen kann, muss mir dafür allerdings aufwändige technische Unterstützung holen.

Was sind Deine (nächsten) Ziele?

Ich will an einem Programm teilnehmen wo Künstler, die sich an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst bewegen, die Gelegenheit bekommen eine Zeitlang auf einer Forschungsstation oder einem Forschungsschiff zu arbeiten.  Derzeit lote ich die Möglichkeiten aus welche Institute Stipendien dieser Art vergeben.

Wenn Du kein Künstler geworden wärest, was wäre dann stattdessen aus Dir geworden?

Dann wäre ich vermutlich irgendwo auf der Welt in der internationalen Kulturarbeit unterwegs.

Stammen Deine Inspirationen immer aus eigenen Erlebnissen?

Nein, nicht nur. Ich arbeite ja mit einem sehr starken Wissenschafts-Bezug, ich lese Veröffentlichungen aus den Bereichen Biologe, Meeresbiologie und Wildtierforschung und kooperiere auch konkret mit den jeweiligen Wissenschaftlern. Aufbauend auf diesen Daten und Forschungsergebnissen entwickle ich dann meine Kunst. In den Projekten die ich mit meinem Freund/Kollegen dem Hamburger Künstler Jan Philip Scheibe zusammen realisiere, beziehen wir uns zudem oft auf volkskundliche und ethnologische Betrachtungen, die dann in unseren Inspirationsprozess einfliessen.

Viele meiner Ideen entstehen dennoch in simplen Beobachtungsprozessen, in denen ich meine Umwelt seziere.

Glaubst Du, dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung trägt? Und was glaubst Du, was sie bewirken kann?

Ich glaube ganz bestimmt dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung trägt und auch tragen sollte, ich frage mich bloss immer öfter ob sie wirklich etwas bewirkt. Dies hat aber weniger mit der Kunst zu tun als vielmehr mit dem Naturell des Menschen der sich zwar gerne politisch gibt, aber eben nur so lange wie er nicht selbst gefordert ist sein Verhalten zu ändern. Menschen sind leider unsäglich bequem, und geizig und gierig noch obendrauf. Über Klimawandel zu reden gehört in jedem Fall zum guten Ton, auf eine Flugreise, Kinder oder das Auto zu verzichten ist aber dann wieder in letzter Konsequenz undenkbar.

Welche Künstler interessieren Dich?

Die, denen man abnimmt, dass es etwas gibt das sie umtreibt und bis ins Mark beschäftigt.

Liegt bei Dir Kunst in der Familie?

Sich mit Kunst zu beschäftigen liegt ganz sicher bei mir in der Familie, den Schritt zu gehen die Kunst zum kompletten Lebensinhalt zu machen eher nicht. Mehrere meiner Onkel und Tanten haben Kunst studiert, dann aber aus unterschiedlichsten Gründen nicht als Freie Künstler gearbeitet sondern noch ein Lehramtsstudium draufgesattelt. Die Kunst spielte in ihren Leben danach auch weiter eine Rolle aber sie verfolgten keine professionelle Karriere mehr.

Hast Du einen Galeristen? Wie hast Du ihn kennengelernt?

Ja, ich werde von einer Galeristin, Isabel Bernheimer (Bernheimer Contemporary/Berlin) vertreten. Wir haben uns im letzten Jahr während einer Gruppenausstellung zum Thema PLASTIK „Plastic Obession“ im Umweltbundesamt UBA in Dessau kennengelernt wo mehrere ihrer Künstler beteiligt waren. Ich war damals sehr erstaunt, wie zielstrebig sie mich anwarb, da ich bis dahin von Galerien nur die Rückmeldung bekommen hatte, meine Kunst sei zwar spannend aber das Risiko mich unter Vertrag zu nehmen zu hoch, da meine Arbeiten vor allem verstörten. Isabel hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Ausstellungen zum Thema soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit in Berlin realisiert und sah das zum Glück alles etwas anders.

Hast Du ein Glaubensbekenntnis – wenn ja wie lautet es?

Weitermachen, egal was passiert.

Hat sich Deine Kunst über die Jahre verändert – und wenn ja wie und warum?

Ich bin in den letzten Jahren radikaler geworden, zum einen weil ich über die Performance als für mich neues Medium viel öfter in einer direkten Konfrontation mit dem Publikum stehe und lernen muss damit umzugehen, zum anderen weil ich bestimmte Themen konsequenter bearbeite als früher und so mir selbst (und dem Betrachter) mehr zumute.

Wie weit würdest Du gehen? Gibt es Tabus?

Die Frage habe ich mir schon sehr oft gestellt. Ich befasse mich ja viel mit unserem eigenwillig schizophrenen Verhältnis zum Tier, sowohl was Klein- und Massentierhaltung angeht, aber auch mit den Kollateralschäden unseres Lebensstils, der Flora und Fauna zum Opfer fallen. Um die Absurdität unseres Handelns zu entlarven wäre es nur konsequent lebende Tiere in das künstlerische Konzept einzubinden, jedoch ist meine persönliche ethische Hemmschwelle hier zu hoch. Ich habe ein einziges Mal für eine Videoarbeit (critter operated chopper, 2012) lebende „Miethamster“ eingesetzt und sie einen Tag lang in Hamster-Motorrädern herumfahren lassen, die in der Kleintierhaltung benutzt werden um den Hamstern „Auslauf“ zu bieten. Danach konnte ich wochenlang nicht mehr schlafen. Gleichzeitig habe ich grösste Achtung vor Künstlern wie der Niederländerin Tinkebell oder dem Costa Ricaner Guillermo Vargas die in ihrer Kunst auf radikalste Weise die Heuchelei menschlichen Verhaltens vorführen und dabei lebende wie tote Tiere einsetzen. Nur schliesse ich das eben für mich aus.

Welches Projekt würdest Du gerne realisieren?

Ich habe 2012 im Rahmen des Projekts GrensWerte im deutsch-niederländischen Grenzgebiet mit einer Blumensamenschiessanlage Blumensamen verschossen um so die vom Menschen gestaltete Landschaft in Unordnung zu bringen. Diese Blumensamenschiessanlage würde ich sehr gerne einmal in einem Fussballstadion benutzen und dort Blumensamen auf dem Rasen verschiessen.

Interessiert Dich, was Sammler mit Deinen Arbeiten anstellen?

Ich spalte eine Arbeit von mir ab sobald sie verkauft wurde, vor allem wenn ich die Käufer nicht persönlich kenne, anders ist es oft nicht auszuhalten, ich habe sie ja vorher wie ein rohes Ei behandelt. Sie führt dann ein neues Leben (in dem es Ihr bestimmt auch gut geht).

Was war für Dich die grösste Herausforderung?

Die grösste Herausforderung der letzten Jahre war, Performance als Medium für mich zuzulassen. Ich wusste, dass die Performance der nächste unumgängliche Schritt innerhalb meiner künstlerischen Entwicklung sein musste um bestimmte Themen mit der nötigen Radikalität bearbeiten zu können. Allerdings war die Tatsache, mich dabei exponieren zu müssen kaum auszuhalten. Damals bin ich auf die Idee gekommen einen Teil von mir abzuspalten und als eine Art Kunstfigur in die Performancesituation zu schicken. Seitdem trage ich bei fast allen Performances ein Kleid, rote Fingernägel, Stöckelschuhe und roten Lippenstift. So steige ich mit dem Kleid direkt in den Performancetunnel ein und kann den Rest ausblenden.

Wem zeigst Du als erstes ein neues Werk?

Bereits im Entstehungsprozess eines jeden neuen Werks spielt mein Freund/Kollege Jan Philip Scheibe eine wichtige Rolle, da wir seit Jahren direkt oder indirekt Teil der Arbeit des anderen und uns gegenseitig die grössten Kritiker sind. Wir kennen uns inzwischen so gut dass wir wissen ob ein Werk wirklich fertig ist oder ob noch mehr geht.

Hat Berlin Einfluss auf Deine Kunst? Wenn ja, welchen?

Berlin hat insofern einen gewissen Einfluss auf meine Kunst als dass die Galerie die mich vertritt (Bernheimer Contemporary) dort sitzt und ich mich entsprechend viel mit meinen Künstlerkollegen bzw. in Berlin ansässigen Künstlerfreunden austausche. Da ich aber das ganze Jahr über viel unterwegs bin und meinen Hauptwohnsitz in Hamburg habe, bin ich gleichzeitig auch einer Menge anderer Eindrücke ausgesetzt, die mich ebenso beschäftigen.

Wo kann man in Berlin am besten 1.) frühstücken, 2.) trinken, 3.) Feste feiern?

Nimm ein Schiff von Berlin die Havel runter bis nach Werder, setzt Dich an den Steg und trink ein Bier (Butterbrot fürs Frühstück nimmste Dir mit).

Wie sieht die erste Stunde Deines Tages aus?

Das kommt tatsächlich ganz stark darauf an wo ich gerade bin. Wenn ich mit einem Projekt unterwegs bin, lebe ich oft für ein paar Wochen oder Monate im Wald, auf dem Land oder auf Inseln wo es nicht viele andere Menschen gibt. An solchen Orten stehen wir meistens sehr früh auf, essen etwas oder packen uns das Essen ein und ziehen direkt los um zu recherchieren oder künstlerisch zu arbeiten. Wenn ich in der Stadt bin brauche ich etwas länger um die Welt an mich heranzulassen und sortiere mich nach dem Frühstück erstmal, arbeite am Schreibtisch und wage mich dann irgendwann raus.

Hier geht es zur Webseite der Künstlerin.

Foto: Henriette Pogoda

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