post-title Berta Fischer, Björn Dahlem, Naum Gabo | Into Space | Haus am Waldsee | 18.10.2020-10.01.2021

Berta Fischer, Björn Dahlem, Naum Gabo | Into Space | Haus am Waldsee | 18.10.2020-10.01.2021

Berta Fischer, Björn Dahlem, Naum Gabo | Into Space | Haus am Waldsee | 18.10.2020-10.01.2021

Berta Fischer, Björn Dahlem, Naum Gabo | Into Space | Haus am Waldsee | 18.10.2020-10.01.2021

bis 10.01. | #2882ARTatBerlin | Haus am Waldsee präsentiert ab 18. Oktober 2020 die Ausstellung INTO SPACE der Bildhauer*innen Berta Fischer, Björn Dahlem und Naum Gabo.

„Into Space“ thematisiert die Sehnsucht des Menschen nach dem Weltraum, nach Schwerelosigkeit, fernen Galaxien und den Glauben an bisher unfassbare Energien außerhalb unserer Wahrnehmung. Drei BildhauerInnen reflektieren die Schnittstellen zwischen Kunst und Wissenschaft über ein Jahrhundert hinweg und von Berlin aus. Nach der Ausstellung „Lynn Chadwick, Hans Uhlmann, Katja Strunz“, die 2019 im Haus am Waldsee dem Thema „Falte“ nachging, nehmen nun Björn Dahlem (*1974), Berta Fischer (*1973) und Naum Gabo (1890–1977) mit Installationen und Plastiken ein künstlerisches Gespräch über Raum und Zeit zwischen 1920 und 2020 auf.

Für Naum Gabo bedeutete Kunst in den 1920er Jahren Mittel zur Erkenntnis über die Physik unseres Planeten. Der nach Berlin emigrierte jüdisch-russische Künstler, der zusammen mit seinem Bruder Antoine Pevsner kurz zuvor das für die Bildhauerei bahnbrechende „Realistische Manifest“ verfasst hatte, suchte fortwährend nach neuen Materialien und Ausdrucksmöglichkeiten, „nicht um des Neuen wegen, sondern um für den neuen Ausblick auf die Welt meiner Umgebung und für die neuen Einblicke in die Kräfte des Lebens und der Natur in mir Ausdruck zu finden.“ Die jüngsten Entdeckungen der Naturwissenschaft, der Relativitätstheorie Albert Einsteins und der Vorstellung der vierten Dimension als Hyperräume hatten schon vor dem Ersten Weltkrieg die bisherige Auffassung von den Naturgesetzen tiefgreifend erschüttert, was Gabo während eines Medizin- und Naturwissenschaftlichen Studiums ab 1910 in München unmittelbar miterlebte.

ART at Berlin - Haus am Waldsee - Naum Gabo - Courtesy Berlinische Galerie
Naum Gabo, Säule, 1922/23, Perspex auf Aluminiumuntersatz, 28,5 x 19,2 cm,
Courtesy Berlinische Galerie, Schenkung | donation Nina und | and Graham Williams,
Biddenden/Kent, Großbritannien | Great Britain, 1988

Die moderne Vorstellungskraft, die er während seiner Studien erworben hatte, sollte sein Denken nach dem Ersten Weltkrieg nachhaltig in neue Richtungen lenken. Auf dieser Grundlage hat Gabo Anfang der 1920er Jahre dynamische, mehrdimensionale, transparente Plastiken von geometrischer Präzision und mathematischer Klarheit geschaffen, die in der Bildhauerei jener Zeit einzigartig als Science Fiction wahrgenommen wurden.

Wie Naum Gabo arbeitet Berta Fischer mit Acrylglas. Während das transparente Kunststoffmaterial Anfang der 1920er Jahre neu war und in der Bildhauerei erst durch Naum Gabo eingeführt wurde, kann es heute in unterschiedlichen Farben und Größen sowie mit schimmernden Folien versehen erworben und verarbeitet werden. Durch Einwirkung von Hitze kann Fischer das plane, an sich spröde Material leicht biegen und plastisch bearbeiten. Allerdings müssen die Formimpulse abrupt gesetzt werden, da das Material Hitze schlecht speichert und schnell abkühlt. Dieses materialbestimmte Vorgehen verschafft dem gesteuerten Zufall im Werk von Berta Fischer breiten Raum. Im Ergebnis erinnern ihre Arbeiten an transparente Hightech-Stoffe, die in aufgewirbelter Bewegung schwebend im Raum stehen. Jenseits der Gravitation verleihen sie dem Ungeordneten, Chaotischen und Unvorhersehbaren in Raum und Zeit Dauer von momenthaftem Charakter.

ART at Berlin - Haus am Waldsee - Berta Fischer - Foto Martin Kolb
Berta Fischer, Untitled, 2005, PVC-Folie, Lichterkette, 240 x 140 x 65 cm,
Courtesy die Künstlerin und Galerie Barbara Weiss, Berlin; Galerie Karin Günther, Hamburg;
James Fuentes Gallery, New York, Foto: Martin Kolb

Durch Brechung des Lichts leuchten die Kanten der oft sehr großen Kompositionen Fischers in grellen Farben. Dadurch entstehen immaterielle, farbige Zeichnungen im Raum. Farbe wird buchstäblich entmaterialisiert. Ein Lichtwechsel oder eine kleine Luftbewegung bringen die hängenden Raumkörper zum Funkeln, wie das flackernde Licht weit entfernter Universen. Mit einem Material ohne Materie produziert Fischer auf ein Minimum reduzierte Skulpturen, die ein Maximum an Raum und Form beschreiben. Je nach Situation und Beleuchtung können die Installationen als Universen, Milchstraßen oder vegetabile Gärten gelesen werden.

Björn Dahlem verwendet für seine raumgreifenden Skulpturen alltägliche Materialien wie Holzlatten, Fundstücke, Leuchtstoffröhren, Glühbirnen und Draht. Seine Auseinandersetzung mit Raum und Zeit basiert auf den Theorien der Philosophie, Astro- und Teilchenphysik bis hin zu den jüngsten Erkenntnissen der Quantenmechanik. Dabei geht es in seinem Werk um eine Verbindung von Wissenschaft und Philosophie sowie um die Grenzen und Übergänge von Naturwissenschaft hin zur Philosophie und Theologie.

Nach dem Wiener Quantenphysiker Anton Zeilinger erkennt die Quantenmechanik heute, dass Materie als Information und nicht als absolute Objektivität zu verstehen ist. Diese Erkenntnis stellt nach den Worten Dahlems den heutigen Begriff von Materialismus komplett infrage. Wenn sich herausstellt, dass Materie Information ist, also im Bewusstsein registrierte Daten darstellt, muss die vermeintliche Objektivität völlig anders gedacht werden. Björn Dahlem agiert als Bildhauer ganz bewusst vor dem Hintergrund der Einsichten, Zweifel und dem Scheitern der Wissenschaften.

ART at Berlin - Haus am Waldsee - Bjoern Dahlem - Courtesy Privatsammlung
Björn Dahlem, Mond, 2018, Holz, Aluminium, Stahl, Spiegel,
Glühbirnen, Durchmesser ca. 130 cm, Courtesy Privatsammlung

Bekannt geworden ist Björn Dahlem in den 1990er Jahren durch künstlerische Darstellungen des interstellaren Raums, von Galaxien, Superclustern oder Schwarzen Löchern, die in raumgreifenden Installationen mit einfachsten Mitteln umgesetzt wurden. Eine Arbeit, „Oortsche Wolke“ (2012) zum Beispiel besteht allein aus Dachlatten und Leuchtstoffröhren. Sie bezieht sich auf eine bisher nicht sicher nachgewiesene Ansammlung von astronomischen Objekten im äußersten Bereich unseres Sonnensystems. Die Existenz dieser Objekte ist umstritten und auch unter Astrophysikern eine Frage des Glaubens. Andere Arbeiten Dahlems nehmen die Form von sakralen Monstranzen an. Auch hier reflektiert der Künstler bewusst Glaubensfragen und Ungewissheiten.

Bereits während Naum Gabos Medizinstudiums ab 1910 in München, das er für ein naturwissenschaftliches und schließlich für ein Studium der Architektur 1912 aufgab wurden die Themen, die Einstein angestoßen hatte, allgemein heftig diskutiert. Eine Reise zu seinem Bruder in Paris 1912 sowie kunsthistorische Vorlesungen von Heinrich Wölffin in München führten im selben Jahr schließlich zu dem Entschluss, Künstler zu werden.

Die zeitgenössisch diskutierten Vorstellungen der Raumzeit-Krümmung sowie multidimensionaler Objekte finden ihren Niederschlag in seinen sphärenhaften Plastiken, die teilweise an Laborinstrumente erinnern. Kreissegmente, Spiralen und ineinander verschachtelte Körper heben die Vorstellung von Bewegung, Dynamik und einer neuen Auffassung von Räumlichkeit in der europäischen Bildhauerei auf ein Niveau, das als pure Science Fiction aufgefasst wurde.

Naum Gabo emigrierte 1932 zunächst nach Paris, dann nach England und 1946 in die USA, wo er am MIT in Boston ausstellte und in den 1950er Jahren in Harvard Vorlesungen hielt. Weltberühmt ist er 1977 in Connecticut gestorben. Seine letzte Einzelausstellung in Deutschland fand 1986 in Berlin statt. Mit der Ausstellung „Into Space“ nimmt das Haus am Waldsee den Faden zu diesem großen Erneuerer der Bildhauerei im 20. Jahrhundert auf und reflektiert Einfluss und Fortleben im Werk zweier junger ZeitgenossInnen, die heute neue Maßstäbe setzen.

Kuratoriert von: Katja Blomberg

Katalog: Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in Deutsch und Englisch. Katja Blomberg (Hg.), Hardcover, 64 Seiten, Verlag Walther König.

Ausstellungsdaten: Sonntag, 18. Oktober bis Sonntag, 10. Januar 2021

Zum Ausstellungsort

 

 

Bildunterschrift Titelbild: Björn Dahlem, Schwarzes Loch (Cygnus-X1), 2016, Holz, Neonlampe, diverse Objekte, 1500 x 1500 x 600 cm, Installationsansicht Matadero Art Center, Madrid, Courtesy der Künstler und Galerie Guido W. Baudach, Berlin, Heinrich Erhardt, Madrid, Sies + Höke, Düsseldorf,  Foto: Björn Dahlem

Ausstellung Into Space-  Haus am Waldsee | Zeitgenössische Kunst – Ausstellungen Berlin Galerien – ART at Berlin

 

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